ΣLEKTRISCHE MEDIEN

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Die Gutenberg-Ära geht ihrem Ende zu, was noch nicht bedeutet, es würde keine Bücher mehr geben. Nahezu über neunzigtausend Neuerscheinungen jährlich zählt die Frankfurter Buchmesse. An einem einzigen Tag wird mehr gedruckt, als in der gesamten Zeitspanne zwischen Gutenberg und dem ersten Weltkrieg. Das Buch hat jedoch in der westlichen Kultur als Leitmedium ausgedient. An die Stelle des Buches treten die »elektrischen Medien«, die die Strukturen der menschlichen Wahrnehmung in den Prozess der Veränderung zwingen.

Die typographische Vernunft wird durch das Medium der Elektrizität abgeschafft. Linearität und Zeit kollabieren im elektrischen Signal, das mit zeitüberbrückender Lichtgeschwindigkeit vom einen zum anderen Ende der Welt übertragen wird. Dabei versinkt die unmittelbare Umgebung in die Bedeutungslosigkeit, wenn man in allen Welten dieser Erde zugleich sein kann. Alles wird durch den elektrischen Impuls zur Simulation, zum gegenständlichen Nichts. Das Zentralnervensystem des Menschen wird dabei erheblich erweitert.

Diese Behauptung liegt nahe, wenn man sich vor Augen führt, dass es im menschlichen Körper eine Instanz gibt, die diesen Körper als Außenwelt erfährt. Das zentrale Nervensystem des Menschen bildet nämlich den gesamten Körper auf der Großhirnrinde ab und simuliert ihn somit im Innern seiner selbst. Von den Augen über Nase und Ohren bis zu den Zehen ist der Körper im so genannten Homunculus wiederzufinden. Mit solchen Gedankengängen werden jedoch bestimmte Vorstellungen über die Wahrnehmung und den Geist ad absurdum geführt.

Im Innern des Körpers ist das Äußere dieses Körpers gespiegelt. Das Zentralnervensystem tastet den Körper im Außen ab, den es reflektiert. Somit haben wir es nach Herbert Marshall McLuhan mit »einer in seiner Eigenfrequenz schwingenden Resonanz-Struktur zu tun, die von Radio, Telefon, Fernsehen und Internet nicht einfach nur angeregt, sondern erweitert wird.« Beim Fernsehen kann sich das Auge beim Sehen zusehen – Sehen, wie es selber sieht. Das Auge begegnet beim Fernsehen seiner eigenen objektivierten Gestalt.

Und dieses Sehen des Sehens ist dem Auge ein Vergnügen, der Sehsinn empfindet Lust. Dem Ohr geschieht dasselbe, es hört sich selbst beim Hören zu. Es sind Erregungen, die es so schwer machen, wieder auszuschalten. Das Drücken auf den roten Knopf der Fernbedienung wird auch nicht aus inhaltlichen Gründen hinausgeschoben, so inhaltslos die Sendung auch sein mag, das Gerät bleibt eingeschaltet. Hierzu eine sehr erhellende Verbindung zur griechischen Mythologie:

Die Sinne verlieben sich dadurch, dass sie, im Falle des Sehsinns, im Fernsehen sehen können, wie sie sehen, in sich selbst, so wie der Narziss (Selbstbewunderer) im Mythos, der von Aphrodite bestraft, sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt. Narziss leitet sich also mit gutem Grund von »narkosis« ab. Er wird durch die Ausweitung seiner selbst – nämlich die Spiegelung seines Gesichts durch die Wasseroberfläche – narkotisiert, so wie der Nutzer elektrischer Medien durch die Ausweitung seiner Sinne betäubt wird, während er zum Beispiel fernsieht.

Er lässt sich fesseln, wie Narziss von seinem Spiegelbild, und wie dieser Mühe hat, sein eigenes Gesicht in der Quelle zu erkennen, hat der Fernsehkonsument Mühe, sich auf dem Bildschirm wiederzuerkennen, d.h. der Mensch erkennt sich in seiner eigenen Technik nicht wieder, sondern sieht in ihr eine fremde Erscheinung. Unfähig zur Selbsterkenntnis, ist der Mensch seiner eigenen Technik und ihrer Wirkung ausgeliefert. Was ist der Schlüssel, der dem Menschen die Wege des Ausgeliefertseins pflastern?

Um zu einer Antwort zu gelangen, sollten wir uns Fragen: was ist angenehmer als die Zuwendung anderer Menschen, was ist wohliger als ihre teilnehmende Einfühlsamkeit? Was ist in ihrer Wirkung so inspirierend, wie begeisterte Zuhörer, was ist fesselnd, wie das Fesseln ihrer Sinne? Was gibt es aufregenderes, als einen Festsaal voll gespannter Blicke, was ist hinreißender, als der entgegentosende Beifall? Was kommt einem Zauber gleich, dem die entzückende Zuwendung derer entfacht, von denen wir selbst bezaubert sind?

Aufmerksamkeit ist eine der unwiderstehlichsten Drogen. Ihr Bezug stellt jedes andere Einkommen in den Schatten. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verbleicht der Reichtum neben der Prominenz, weil Prominente Millionäre des Einkommens in Sachen Aufmerksamkeit sind. Ruhm ist die attraktivste und schönste der irdischen Belohnung, weil sie den Status des Großverdieners an Aufmerksamkeit noch über den Tod hinaus sichert. Aufmerksamkeit ist nicht nur eine der stärksten Drogen, sondern auch die einzige Möglichkeit, die den Hauch von Unsterblichkeit in sich bewahrt.

Wir dürfen also von einer Gesellschaft ausgehen, die mit dem Tod Gottes (Nietzsche) Ernst gemacht hat. Welche Instrumente sind Instrumente der Aufmerksamkeit, die den „Kampf um die Köpfe“ internalisieren? Dies ist eine Frage um das Verständnis von Bildung und Wissenschaft; Bildung als System und Wissenschaft als die Lehre der Anwendung von Systemen der Bildung. Warum soll man sein Wissen am einschlägigen Markt anbieten, nämlich publizieren? Es heißt doch, Wissen sei Macht. Wenn Wissen Macht ist, warum es dann teilen?

Die Publikation stellt es allen und jedem zur Verfügung. In der wissenschaftlichen Kommunikation fließt noch nicht einmal Geld. Kaufmännisch betrachtet, wird das Wissen durch die Publikation verschenkt. Warum sollen Wissenschaftler darauf achten, an welchen Ergebnissen andere Wissenschaftler interessiert sind? Warum andere bedienen, wenn die eigene Neugier lockt? Warum anderen zuarbeiten, wenn man selber vorankommen will? Die Funktion der Massenmedien besteht nicht darin, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, um sich darin selbst zu erkennen.

Eher führen die Massenmedien der Gesellschaft ein Bild vor Augen, an dem sie sich zu orientieren hat. Die Disziplinarmacht geht mit der totalen Präsenz in eine neue, allerletzte Runde. Sie tut dies wesentlich subtiler und zugleich effektiver, denn sie überwacht nicht mehr nur die erste, unmittelbar wahrnehmbare Realität, sondern gibt vor allem eine zweite, mediale Realität vor, in der die Unterscheidung von Observierenden und Observierten kollabiert. Der Mensch sitzt nicht potenziell im Gefängnis der ersten Realität, sondern er kommt aus der zweiten nicht mehr heraus.

Schenken wir unserer Aufmerksamkeit besonders viel Zuwendung, wenn sie sich über die Hintertüre menschlicher Sinneswahrnehmung hineinschleichen sollte.


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  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 20. Dezember 2009 um 07:10

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