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Die Rebellen der sechziger Jahre …

… sind unverrichteter Dinge abgetreten. Kein einziges ihrer kleinen und großen Ziele haben sie erreicht. All das, wogegen sich ihre oppositionellen Bemühungen richteten, schreitet munter fort. Die Anlässe, „radikal“ zu werden und das „System“ anzugreifen, werden von dessen Machern täglich vorgeführt. Die BRD präsentiert sich unverschämt wie eine Materialsammlung für die Kritik des Kapitalismus, die einst Karl Marx vertrat. Und was treiben die Veteranen der Protestbewegung, insbesondere die, an denen ein bisschen Prominenz hängen geblieben ist? Sie stellen sich, in ungetrübter Eitelkeit, den Medien zur Verfügung und stricken mit an der Jubiläumslüge; nach dem ekelhaften Muster „wir feiern die verdienstvollen Konsequenzen und bleibenden Errungenschaften“ der Bewegung entlocken sie gemeinsam mit ihren Feinden von damals ihrem Rückspiegel eine immergleiche Botschaft.

Ohne rot zu werden, wiederholen „Dabei gewesene“ die Einsicht der professionellen Schönfärber: Nein, ohne die Studentenbewegung wäre die Republik nicht das, was sie heute ist! Ja, sie hat unsere politische Kultur entscheidend geprägt. Auch die Friedens- und Öko-Bewegung geht auf die von damals zurück. Das Reformieren ist in die Bonner Szene eingezogen. Usw. Sturzzufrieden mit der BRD 09 verabreichen die Rückblicken ohne jeglichen Zorn der Opposition von einst das Kompliment, sie hätte sich um das Gemeinwesen verdient gemacht. Und sie fühlen sich auch gar nicht gedrängt, zu erzählen, was an der BRDeutschland die sie so rückhaltlos begrüßen, so prächtig ist. Meinen sie die AKWs und die Arbeitslosen? Die Fortschritte der Rüstung in den letzten 20 Jahren, die imperialistischen Glanztaten, die „Nord-Süd-Frechheiten der SPD, die Notstandsgesetze? Glauben sie, die Grünen seien gut, weil sie irgendetwas Böses verhindert hätten? Denken sie bei „politischer Kultur“ an Korruption, Hanau, Flick oder an Barschel?

Offenbar geht es nur um die Darbietung des Märchens, da hätte sich eine Nation von ihren Kritikern tief beeindrucken lassen, sich geläutert – womit natürlich auch das Ende der radikalen Bewegung in Ordnung geht. Nur zur Richtigstellung dieses schwarz-rot-goldenen Märchens sei daran erinnert, dass die Bewegung der 60er Jahre ein etwas anderes Programm hatte als eine BRD unter Merkel, in der sich manche so wohl fühlen, dass dieser unser Staat die Rebellen von einst bekämpft hat (manche haben es nicht überlebt), und dass sein Lernprozess eher in Richtung Gewalt für ganz viel inneren Frieden gegangen ist.

An den Lehren der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften entdeckten die bewegten Studenten einen Mangel, der von Wissenschaftlern wie Habermas schon leidlich salonfähig gemacht worden war. Sie vermissten am Vorgelesenen und in Seminaren Diskutierten die Gelegenheit, die „methodologischen Voraussetzungen“ zu kritisieren. Das erscheint heute wie eine Ironie: die Dummheiten und Ideologien der Universität tragen sich 20 Jahre danach allesamt mit dem Bekenntnis zu einer Methode, zu einem Ansatz vor, legen ihr „Erkenntnisinteresse“ offen und fürchten nicht im geringsten den Vorwurf der Parteilichkeit. Anders kann sich heute kein Akademiker mehr Wissenschaft vorstellen, und als „kritisch“ gilt das Bekenntnis zum Pluralismus, das auch als Gebot für jedermann daherkommt. Dass Wissenschaft einen Gegenstand hat und diesen erklärt, hält die universitäre Gemeinde für schieren „Dogmatismus“, der Triumph des methodischen Denkens ist vollständig, so dass sich auch die widersprüchlichsten Auffassungen friedlich in jeder Disziplin versammeln – nach dem Motto: „wie man herangeht, so fällt die Wissenschaft eben aus.“

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Dass manche von den Jungakademikern ihren damaligen Einwand heute für erledigt ansehen und fröhlich an der modernisierten und methodisch-kontrollierten Ideologiebildung mitmischen, ist unbestreitbar. Dennoch kam die Forderung, Professoren sollten endlich explizit ihre methodischen Voraussetzungen angeben – und zwar getrennt und möglichst vor ihrer Lehre – damals aus einem anderen Bedürfnis zustande als dem, das akademische Treiben möge sich endgültig zum Instrumentalismus und zum parteilichen Vielerlei entwickeln. Gefordert war gegen Professoren einer früheren Generation, deren sinnstiftende Lehren mit den Interessen der Studierenden nicht vereinbar schienen, eine Besinnung auf die „gesellschaftliche Relevanz“ des Zeugs. Der für fortschrittlich erachtete Ansatz war die nervtötende Übung, alles „gesellschaftlich“ zu sehen und damit nicht die ebenfalls schnell durchgesetzte Soziologisierung der Wissenschaft zu beantragen, sondern auf eine soziale Verpflichtung zu dringen. Dass noch von der letzten Literaturinterpretation und Geschichtsvorlesung eine Auskunft über die Verbesserung und Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft auszugehen habe, war das eingeklagte Vorurteil, das als Ansatz seine Eintrittskarte in die Uni verlangte. Die Mehrzahl der Lehrenden an den Universitäten sah in solchem Ansinnen eine „Politisierung“ der Wissenschaft, zog sich den albernen Vorwurf „unpolitisch“ zu und galt dafür als reaktionäres Pack, das sich in seinem „Elfenbeinturm“ einhaust.

Der zweite „Einwand“ gegen die Wissenschaft war damit auch schon fertig: vermisst wurde die „Reflexion der praktischen Folgen des Gelernten“, wie überhaupt damals wenig Wissenschaft betrieben, dafür aber immerzu alles „reflektiert“ wurde. Genauso wenig, wie die Forderung nach der methodischen „Selbstkritik“ einen Fehler an der „herrschenden Wissenschaft“ zu ermitteln gestattete, führte besagte „Reflexion“ zu einer Wissenschaftskritik. Statt falsche Gedanken in den verschiedenen Fächern auszumachen, den Grund dafür zu suchen und einmal den Lehren selbst einen Vorwurf zu machen, erging sich der kritische Student der 60er Jahre in „kritischer Wissenschaft“. Darunter verstand er die ewige Fragerei nach „praktischer Relevanz“ getrennt und vor, später neben der Befassung mit den dargebotenen Theorien.

Dabei ist manchen Leuten die Erfindung von „praktischen“ Bedeutungen gelungen, die nur als Witz fassbar sind. Der Glaube, dass die akademischen Ideologien von der VWL bis zur Literaturverehrung im wirklichen Leben Anwendung finden, irgendwie den Gang des gesellschaftlichen Lebens entscheidend bestimmen, war gang und gäbe. Der Fanatismus der demokratischen Wissenschaft war unterwegs und reklamierte mit dem Attribut „demokratisch“ von der Wissenschaft lauter „Funktionen“, die der garantiert nicht anzuhängen sind. Gemeint war eben ‚Praxis‘ im Sinn gesellschaftsverändernder guter Werke. Alle demokratischen Ideale, der Wunsch, alles ein wenig sozialer und gerechter haben zu wollen, kamen zum Zug – und die Entwürfe alternativer Berufspraxis hatten Konjunktur. Durch die Veränderung von Wissenschaft und Ausbildung gemäß dem radikaldemokatisch ermittelten Veränderungsbedarf der „Gesellschaft“ wollte man letztere umkrempeln.

Die Protestanten an den Hochschulen haben den akademischen Betrieb konsequent an der Demokratie gemessen – und zwar an der, die sie im Kopf hatten. Vor diesen Idealen hat sich der tägliche Betrieb des bundesrepublikanischen Ladens gründlich blamiert. Der demokratische Geist, den die jungen Staatsbürger nicht nur an der Uni, sondern überall suchten, war einfach nirgends da. Dass die nicht mehr so junge Generation bei Demokratie einfach „unser Staat“ meinte, dass sie für den Staat und für „Ordnung“ herzlich viel und ohne weiteres Prüfen übrig hatte, merkten die veränderungsbeflissenen, gelehrigen Schüler des Sozialkundeunterrichts, Marke „post-faschistisch“ sehr schnell. Sie ermittelten zu ihrem Entsetzen bei den praktizierenden Demokraten des Volkes, gewöhnlich schon in der eigenen Familie, ganz gewöhnliche Staatsbürger und Opportunisten, die sich recht viel gefallen lassen und darauf noch stolz sind.

  1. SaTyR
    31. März 2009 um 23:45

    ein kontroverses Video zum Thema

    Freddy Quinn – WIR

  2. moltaweto
    30. März 2009 um 06:09

    Hallo Andreas & Hippie im Herzen,

    zu dem Anspruch, den jene 68er für sich und ihre Sache erhoben haben, von denen der Artikel meiner Ansicht nach berichtet, kann ich nur sagen, dass er Rudi Dutschke nicht allzu lange überlebt hat … damit warst Du lieber Andreas definitiv zu spät dran! Mehr mag ich nicht dazu schreiben, obwohl es gerade mit Blick auf R. D. sicherlich noch manches hinzuzufügen gäbe.

    Aber Du hast das offensichtlich aufgeholt und meiner Meinung nach eine sehr korrekte Ansicht zur heutigen Gesellschaft entwickelt, die mit jener, die ich (Jahrgang 58) noch ausreichend lange miterleben durfte, wahrlich nichts mehr gemein hat.

    Ganz sicher ist es müßig, in diesem Zusammenhang eine Schuldfrage zu formulieren … die Situation entartet ja sukzessive weiter, so dass man niemanden – die heute lebenden „Erwachsenengenerationen“ komplett eingeschlossen – von der Verursachung der unerträglichen Zustände (nicht nur, aber ganz besonders) in unserem Land ausnehmen kann.

    Doch was soll’s … dass man etwas daran ändern müsste, haben wir doch genauso oft ausgesprochen, wie wir Möglichkeiten aufzuzeigen versuchten, wie es tatsächlich funktionieren könnte, oder? Das soll nicht heißen, dass ich vor der scheinbar ausweglosen Situation und unserer überwiegend im negativen Sinne gleichgeschalteten Gesellschaft resignieren würde; aber wir müssen uns mehr und ausschließlicher auf die aktiven Kräfte konzentrieren und diese auch – allen mehr oder minder idiotischen Widerständen zum Trotz – endlich zusammenführen.

    Aber das nur so nebenbei – sozusagen zur Auffrischung „früherer Gedankenaustausche“ – lass mich Dir jetzt einfach nur noch meinen Dank und Respekt für den Artikel abstatten und gemeinsam mit Dir darauf hoffen, dass er von möglichst vielen Menschen gelesen und dann auch verstanden wird.

    Beste Grüße – vielleicht bis die Tage? –
    Hans.

  3. Südamerikaner
    30. März 2009 um 00:30

    ich finde den Artikel absolut zutreffend. Vor allem, wenn ich mir anschaue, was aus Aktivisten dieser Zeit und die ihr nachfolgten, geworden ist. Otto Schilly: Rechtsvertreter der RAF; Bundesinnenminister; hochdotierter Wirtschftsmann in einer Firma für die Herstellung biometrischer Pässe etc., aus meiner Sicht ein Verräter an allen Idealen.
    Joschka Fischer, steinewerfender Außenminister mitverantwortlich für Angriffskrige der Bundeswehr; ebenfalls ein Verräter an der Sache der 68er.
    Die Reihe ließe sich fortführen. Die Spät68er haben sich auf die Rechtsradikalen eingeschossen und regieren pseudolinks mit dieser Masche hervorragend. Alles, was oppositionel, also gegen die veröffentlichte Meinung redet, ist antisemitisch, rassistisch, fremdenfeindlich, rechtsradikal. So einfach ist regieren in diesem Pseudostaat mit seiner Parteiendiktatur geweorden. Hoffentlich gibt es bald eine neue Bewegung, die diesem Spuk ein Ende setzt und den bürgerlichen Freiheitsrechten endlich zum Durchbruch verhilft.

    • 1. April 2009 um 18:05

      Hallo Südamerikaner !

      Vielen Dank für das „absolut zutreffende“ Kompliment… Ich tu´was ich kann…oder sagen wir mal – ich versuche es…*lach*
      Das bald eine neue Bewegung, die diesem Spuk ein Ende setzt
      wage ich zwar anzuzweifeln, aber man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben. Ich glaube es wird erst etwas passieren, wenn es den Menschen schlecht genug geht... das mag sich stumpf anhören, aber so ist er eben – der Mensch…

      Gurß und Dank…

      Andreas

  4. sogesehen
    28. März 2009 um 22:19

    Fragt sich, „Wer hat die 68er initiert“, woher kam der Trend, die Ansätze? War das auch nur ein Fake ala „Feministinnen“. Aus Erfahrung wissen wir mittlerweile nur allzu gut, oft entstammen solche Ideen den gr. Think-Tanks. Wem nützt es? Man betrachte sich das herausstechende Bsp. der 68er – Fischer.
    Revolution oder Illusion?
    Bedenklich!

  5. Hippie im Herzen
    28. März 2009 um 13:18

    „Wird in dem Artikel ein Schuldiger gesucht?“, habe ich mich zuerst gefragt.
    Für mich sind alle „Schuld“ die aufgegeben haben, sei es die 68er, die Punks, die Hippies, die Rocker, die Alternativen, die Christen…usw.

    Mich haben die 68er aufgeweckt.
    Es war eine Zeit die sehr viel Hoffnung versprüht hat.

    Die Schläue der Herrschenden hat über die Liebe und den Freigeist dieser Zeit gesiegt, sie in endlosen Diskussionen verstrickt.

    Unsere Kinder werden alles besser machen, das ist gewiss.

    Love and Peace

    • 28. März 2009 um 14:59

      Hallo Hippie im Herzen !

      Ich kann Sie beruhigen, es war keine Suche nach einem Sündenbock. Das manche Passagen einen sehr kritischen Eindruck vermitteln, kann ich nachempfinden. Ich bin zu dieser Zeit (der 68er) noch gart nicht geplant gewesen,(bin ein 77er) aber ich habe sehr viel darüber gelesen und mit Menschen, die diese Zeit miterlebt haben, gesprochen.

      Die Verbundenheit unter den Menschen, ist mir besonders aufgefallen. Die „WIR“-Gesellschaft, in einer Zeit, wo die Umerziehung noch ein ganzes Stückweit entfernt war. Wenn ich heute die Menschen sehe, wie sie miteinander umgehen…

      Sie sind scheu voreinander, verunsichert, eine egoistische arrogante Ellebogen Gesellschaft, verlassen von allen guten Geistern. Das kommt mir jedenfalls so vor.

      Vielen Dank für Ihren Kommentar.
      Ich wünsche Ihnen und ihrer lieben einen schönen Sonntag…

      … und bleiben Sie gesund !

      Andreas

  1. 30. März 2009 um 06:43

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