Startseite > Literatur / Studien, Medien > Gegenwartsbewältigung

Gegenwartsbewältigung

Es ist noch gar nicht solang her, da konnte noch niemand etwas mit dem Begriff „Snowboard“ anfangen – heute ist Skifahren nicht mehr genug. Und auch die Rollschuhe bleiben im Schrank, denn jeder braucht nun unbedingt Rollerblades.

Gestern noch war man stolz auf sein geliebtes Auto, heute braucht jeder mindestens einen Zweitwagen für den Stadtverkehr. Sein ganzes Leben hat man gelebt, ohne auch nur vom immerhin mehrere Jahrzehnte alten Internet gehört zu haben – plötzlich ist ein Leben ohne Computer und ohne „Surfen“ nicht mehr vorstellbar. Es geht hier nicht darum, jemandem den Spaß zu verderben. Es geht hier auch nicht darum, die einzelnen genannten Dinge zu kritisieren. Hier geht es nur um Beispiele dafür, dass durch Werbung neue Bedürfnisse erzeugt werden, die ohne Werbung nicht oder nicht in diesem Umfang existieren und auch nicht vermisst würden. Der Einfluss der Werbung auf das Konsumverhalten der Menschen, auf ihre Gedanken, ihr Schönheitsempfinden, ja selbst ihre Moral, ist inzwischen enorm, besonders durch den Massenkonsum von Werbesendungen über das Fernsehen. Sogar Kriege werden heute durch Werbung ermöglicht und gewonnen, der Golfkrieg der USA gegen den ‚Iraq ist kein Einzelfall.

Dort beauftragte die US-Regierung eine Werbefirma, für eine positive Kriegsstimmung unter der Bevölkerung zu sorgen. Das gelang durch „aufbereitete“ und Falschinformationen so hervorragend, dass sogar die UNO auf ihre falschen Zeugen hereinfiel. Die Menschen werden heute umfassend manipuliert. Damit hat man sie meist gut im Griff. Der Trick dabei ist, dass es die Menschen nicht merken und sich daher nicht dagegen wehren können. Im Gegenteil, bei den meisten Menschen funktioniert es so gut, das sie es nicht glauben und wütend werden, wenn man ihnen beweist, dass ihre Meinungen gar nicht ihre eigenen sind. Werbung gilt vielen als harmlos, bestenfalls noch als lästig, mehr aber auch nicht. Sie wird sogar zu einer Art Kultur aufgebaut: es gibt schon Sendungen, die Werbespots „nur“ zur Unterhaltung bringen, als eine Art moderne Kurzfilme.

Kaum einer gibt zu, dass sein Kaufverhalten ebenso von der Werbung geprägt ist, wie seine Sprechweise, seine Gestik, seine Kleidung. Für die Wenigen, die das erkennen, reicht das Stichwort „Barbie-Puppe“. Die Werbung zeigt, wie man sein muss: „jung, dynamisch und erfolgreich“ – „cool, just for fun“ – und natürlich „reich und schön“, je nach persönlicher sozialer Stellung und Situation. So wird man fit gemacht für die widerstandslose Eingliederung in die Karriere im Dienste der Manipulisten oder ruhig gestellt im Falle der Erfolg- und Arbeitslosigkeit. Die Werbung ist der offensichtlichste Ausdruck des Herrschaftsmittels, das für den Manipulismus am typischsten ist: die ideelle Gewalt. Im Kapitalismus war Werbung nur eine Ergänzung, denn man fand seine Kunden auch so, weil es jede Menge tatsächlichen Bedarf gab. Im Manipulismus ist Werbung zu einer der Hauptwaffen im Klassenkampf und im Konkurrenzkampf um Profit und Macht geworden.

Über den Manipulismus gibt es noch keine vollständige und ausgereifte Gesellschaftstheorie. Aber die hier gezeigten Facetten sind recht gut in der Lage zu zeigen, dass unsere heutige Gesellschaft längst kein Kapitalismus mehr ist und nach welchen Regeln in dieser Gesellschaft gespielt wird. Damit ist die Aufgabe dieses Artikels eigentlich erfüllt, aber ich möchte trotzdem noch andeuten, welche erschreckenden Perspektiven sich ergeben, falls unsere Gesellschaft auf diesem Weg nicht aufgehalten wird. Bisher haben wir es mit Typen der Manipulation zu tun, gegen die man sich zumindest theoretisch wehren kann. Fernsehwerbung kann man abschalten. Zeitungsmeldungen und Nachrichten kann man analysieren und so Lüge von Wahrheit und Manipulation von Information trennen. Aber zumindest denkbar sind bereits Formen der Manipulation, gegen die man sich nicht wehren kann.

Bei dem Begriff Manipulation denkt man heute eigentlich nicht zuerst an geistige Beeinflussung, sondern an genetische Manipulation von Lebensmitteln. Wo das möglich ist, ist auch die genetische Manipulation von Menschen nicht mehr unmöglich. Nach der Entdeckung der Kernkraft war die Atombombe leider schon sehr bald keine Utopie mehr, sondern schreckliche Wirklichkeit. Und so könnte es uns auch mit der Horrorvision des körperlich und geistig konditionierten Menschen gehen. Ein perfekt gehorchender Soldat ohne Skrupel? – Bitte sehr, geklont im Dutzend billiger! Ein Wissenschaftler, der nicht über den Missbrauch seiner Entdeckungen nachdenkt? Ein Arbeiter, der nicht über schlechte Arbeitsbedingungen und niedrige Bezahlung klagt und sich bei Arbeitslosigkeit ruhig verhält? Eine perfekte Ehefrau, pflegeleicht blöd, aber fleißig und sexy?

Natürlich alles nur für den, der es sich leisten kann. Heute mögen das noch Horrorvisionen sein, aber das Kind aus dem Katalog der Samenbank ist bereits real. Wie weit sind wir noch von „Blade Runner“ entfernt? Geistige Programmierung durch „Hypnosestrahlen“ oder ähnlich utopisch klingende Dinge mögen heute noch nur Stoff für Filme und Computerspiele sein. Aber ich sehe, was bereits jetzt in unserer Gesellschaft alltäglich ist. Die Suche nach einem anderen Weg in eine andere Zukunft, die muss es einfach geben. Was würde Henryk M. Broder bei dieser Suche finden? Was wird er diesmal aus dem Kopf schütten? Sicher ist, zu Hitler fällt ihm immer was ein. In Augsteins Führer Sampler wird ordentlich gebrodert, als Ex-linker und Wahl-Israeli, spürt er leidenschaftlich dem Antisemitismus nach, der letztlich hinter jeder Kritik an Israel stecken soll. Diesem scharfsinnigen Rassismus-Entlarver verdanken wir jetzt folgende Hitler-Kritik:

„Da steht ein Würstchen mit durchgedrückten Knien und zusammengekniffenen Arschbacken, schreit, gestikuliert und macht sich wichtig. Man weiß sofort: Dieser Typ geht mit Socken ins Bett, popelt, wenn ihm niemand zuschaut, stundenlang in der Nase und kneift der Kellnerin mit raschem Griff in den Hintern.“

Ein deutscher Israeli im ideologischen Kampf gegen den Faschismus: 1:1


Günter Grass leidet seit Anno Widervereinigung an Verfolgungswahn – drei mal je ¼ Stunde.

„Ich lehne den Einheitsstaat ab und wäre erleichtert, wenn er – sei es durch deutsche Einsicht, sei es durch Einspruch der Nachbarn – nicht zustande käme.“ (Die Zeit, 7.2.)

Viel besser nämlich passt zu Deutschland die Rolle des guten Onkels der Weltpolitik, die die BRD ausgerechnet in ihrem Verhältnis zur DDR so überzeugend zur Anschauung gebracht hat.

„Dieser Staat (die DDR) hat seine eigene Geschichte gehabt. Und ich glaube, er sollte das Recht haben, jetzt, nachdem er sich selbst Freiheit erkämpft hat, das in einer gewissen Eigenständigkeit fortzusetzen, miteinzubringen in das deutsch-deutsche Gespräch.“ (Grass, in der ARD-Diskussion mit Augstein)

Aber was muss Grass stattdessen feststellen? Nichts ist’s mit vornehmer Zurückhaltung und der Grandezza einer Nation von geistigem Adel – statt ihrer stillen Größe schlägt dem Wuchergeist die historische Stunde:

„Und schon wird Beute gemacht. Kaum hat die eine Ideologie ihren Griff lockern, dann aufgeben müssen, da greift die andere Ideologie wie altgewohnt zu. Wer nicht spurt, kriegt nix. Nicht mal Bananen. Nein, ein so unanständig auftrumpfendes, durch Zugriff vergrößertes Vaterland will ich nicht…“ (Die Zeit)

„Ich will sagen, dass in einer Konföderation, wenn wir sie gestalten wollen, und wir könnten sie gestalten, all das; was Sie vorgeschlagen haben, die wirtschaftliche, die technische Hilfe, durchaus möglich ist. Eine Konföderation erlaubt auch eine Währungsunion, sie erlaubt auch eine gemeinsame Staatsangehörigkeit, eine Wirtschaftseinheit… Und ich sehe nicht, daß eine solche Einigung dem Einigungswunsch der Deutschen widerstrebt.“ (Grass, im Gespräch mit Augstein)

Zwei gemerkt, eins im Sinn – das wäre ein feines Deutschland.

Aber so, einfach bloß das eigene Herrschaftsgebiet auszuweiten; sich nur zu benehmen, wie der Materialismus eines ganz gewöhnlichen Staates es verlangt, dem es um seine Macht geht – und nicht das zu tun, was das Schwärmen eines Idealisten der Nation für deren Belange für „erstrebenswert“ hält: Das stimmt einen Grass schon unfroh.

„Sind denn umfassende Einheit, größere Staatsfläche, geballte Wirtschaftskraft ein erstrebenswerter Zuwachs? Ist das denn nicht alles wiederum zuviel?“

fragt er und grämt sich wegen des hässlichen Deutschen, weil der demnächst in 80 Mio. Exemplaren Weltpolitik macht.

„Am Ende werden wir knapp achtzig Millionen zählen. Wir werden wieder stark und – selbst beim Versuch, leise zu sprechen – laut vernehmlich sein… wieder einmal zum Fürchten und isoliert…“ (Die Zeit)

Im gegenwärtigen Umfang von 60 Mio. Volksgenossen muss offensichtlich die nationale Vernunft gerade noch ihr richtiges Maß gefunden haben. In der Größenordnung ist der deutsche Imperialismus, wie er geht und steht, für einen Grass nicht nur von Haus aus unschuldig wie ein Lamm, sondern auch noch von allen anderen imperialistischen Konkurrenten heiß verehrt und weltweit ein schöner Gast. Aber wehe, er verschafft sich seine grundgesetzlich verankerte Sollstärke wirklich – dann ist die Hölle los!

„Auschwitz ist die Schamschwelle, die mitgedacht werden muss, … wenn wir aufgrund der günstigen Lage und der in der DDR erkämpften Freiheit die Chance bekommen, etwas neu zu gestalten.“

„Der deutsche Einheitsstaat verhalf der nationalsozialistischen Rassenideologie zu einer entsetzlich tauglichen Grundlage.“ (Die Zeit)

So verbissen hat sich dieser Liebhaber der Deutschen in seinen Fanatismus einer politisch begrenzten, in ihrer geistigen Grundlage aber ohnehin schon immer grenzenlosen deutschen Erweiterung, so borniert hält dieser Geist an den ästhetisch-moralischen Maßstäben fest, aus denen er seine Verehrung für Deutschland bezieht, dass er wg. „Einheitsstaat“ das moralische Trumpfas aus dem Ärmel zieht, das bislang noch jeden guten Deutschen entwaffnet hat – „Auschwitz“, Punkt.

Auschwitz dräut. Doch ist nicht alles so hoffnungslos, wie es aussieht. Bei soviel Schatten muss ja auch jede Menge Licht sein, und eine Nation, die so lange über dieselbe „Schamschwelle“ gestolpert ist, kann ja gar nicht anders, als letztendlich doch alles richtig zu machen.

„Auschwitz ist ja nicht nur Schaden; Auschwitz hat uns die Möglichkeit gegeben, uns selbst zu erkennen in unseren extremen Möglichkeiten, die sich nicht wiederholen dürfen“ (Grass, im Gespräch mit Augstein)

– aber eben schon auch in den ganz extremen Möglichkeiten, die noch nie da waren:

„Ob dann in zehn Jahren – ich komme jetzt auf Willy Brandts Vorschlag zurück – auf der Grundlage dieser beiden konföderierten Staaten ein Bundesstaat entstehen könnte, also das, was die Paulskirche mal angestrebt hat, was leider nicht vollzogen wurde, das ist eine andere Frage.“ (ebda.)

Dann hätte es Deutschland auch noch seinem großen Dichter Grass recht gemacht, und alles wäre in Ordnung. Eine sehr poetische Art, die Frage des Tempos beim Anschluß zu problematisieren – und Schwäbisch Hall – die Mauer wieder hochzuziehen. Auf diese Steine können Sie bauen…




  1. Timo Grassi
    26. Oktober 2009 um 18:33

    Mein Kompliment zur Gegenwartsbewältigung!

    Man kann es noch kürzer zum Ausdruck bringen:

    Die Vergangenheit ist definiert als ein in sich abgeschlossener Vorgang. Die Verbindung des Wortes „Vergangenheit“ mit dem Verb „bewältigen“ zeugt von psychotischen Denken. Von verantwortungsfähigen Menschen kann aufgrund logischer Gesetzmässigkeiten nur das Wort „Gegenwartsbewältigung“ auf Schultafeln akzeptiert werden.

    Laut Freud besitzen die Wortschöpfungen der psychopathologischen Natur stets einen verborgenen Sinn, der sich zumeist auf krankhafte sexuelle Wünsche bezieht:

    „Vergangenheitsbewältigung“

    Also ich höre da nur eins: Leichenficken!

    Und genau das ist es, was die staatstragende, intellektuelle Klasse treibt.

    Die Wortschöpfung „Vergangenheitsbewältigung“ wurde bereits von den Ideologen des Nationalsozialismus in den Umlauf gebracht. Es steht für die von den Nazis geforderte Vernichtung des jüdischen Volkes, das man dafür verantwortlich machen wollte, die „tapferen“ Römer und -später- Germanen durch einen infamen Betrug mit eineiigen Zwillingen bei der Kreuzigung des Christus mit dem realitätshöhnenden Devotismus des Christentum infiziert zu haben.

  1. 11. März 2009 um 22:52

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s