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»SELBSTTÄUSCHUNG« 2TAUSEND8

»Selbsttäunschung« bedeutet, dass man etwas zu sein vorgibt, was man in dem Moment nicht ist. Es ist ein Mensch, der Hintergedanken bei dem hat, was er mit anderen bespricht, wobei ihm diese Hintergedanken gar nicht unbedingt bewusst sein müssen. Man kann z. B. beobachten, dass sich viele Menschen um die Anerkennung und die Aufmerksamkeit anderer Menschen in ihrer Umgebung bemühen, dies aber verbergen, weil sie sich davor fürchten, in einem Moment von Schwäche erkannt zu werden. Das große Problem dahinter ist, dass wesentliche menschliche Gefühle, wie das Bedürfnis, Liebe zu empfangen und zu geben, aus Furcht vor dem Urteil anderer versteckt werden. Was dann aus solchen menschlichen Begegnungen herauskommt, ist eine spezifische Form von Krampf und Langeweile, die nicht nur den Beobachter nicht, sondern auch keinen der Beteiligten wirklich überzeugt. Viele Menschen glauben, dass man menschliche essenzielle Bestrebungen irgendwie kaschieren oder so verfälschen könne, dass man sich hinter dieser Wand verstecken könnte. Ihre Erfahrung sagt ihnen, dass dies in vielen Situationen auch möglich zu sein scheint. In Wirklichkeit funktioniert es aber nicht, weil die Psyche viel zu intelligent ist, um sich von solchen Manövern täuschen zu lassen.

Doch auch die Selbsttäuschung hat ihren Preis.

Die große Verheißung unbegrenzten Fortschritts – die Aussicht auf Unterwerfung der Natur und auf materiellen Überfluß, auf das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl und auf uneingeschränkte persönliche Freiheit – das war es, was die Hoffnung und die Zuversicht von Generationen seit Beginn des Industriezeitalters aufrechterhielt. Zwar hatte die menschliche Zivilisation mit der aktiven Beherrschung der Natur durch den Menschen begonnen, aber dieser Herrschaft waren bis zum Beginn des Industriezeitalters Grenzen gesetzt. Von der Ersetzung der menschlichen und tierischen Körperkraft durch mechanische und später nukleare Energie bis zur Ablösung des menschlichen Verstandes durch den Computer bestärkte uns der industrielle Fortschritt in dem Glauben, auf dem Wege zu unbegrenzter Produktion und damit auch zu unbegrenztem Konsum zu sein; durch die Technik allmächtig und durch die Wissenschaft allwissend zu werden. Wir waren im Begriff, Götter zu werden, mächtige Wesen, die eine zweite Welt erschaffen konnten, wobei uns die Natur nur die Bausteine für unsere neue Schöpfung zu liefern brauchte. Die Männer und in zunehmendem Maß auch die Frauen erlebten ein neues Gefühl der Freiheit; sie waren Herren ihres Lebens; die Ketten der Feudalherrschaft waren zerbrochen, sie waren aller Fesseln ledig und konnten tun, was sie wollten. So empfanden sie es wenigstens. Und obwohl dies nur für die Mittel- und Oberschicht galt, verleiteten deren Errungenschaften andere zu dem Glauben, die neue Freiheit werde schließlich allen Mitgliedern der Gesellschaft zugute kommen, wenn die Industrialisierung nur im gleichen Tempo voranschreite. Sozialismus und Kommunismus wandelten sich rasch von einer Bewegung, die eine neue Gesellschaft und einen neuen Menschen anstrebte, zu einer Kraft, die das Ideal eines bürgerlichen Lebens für alle aufrichtete: der universelle Bourgeois als Mann und Frau der Zukunft. Leben erst alle in Wohlhabenheit und Komfort, dann, so nahm man an, werde jedermann schrankenlos glücklich sein. Diese Dreieinigkeit von unbegrenzter Produktion, absoluter Freiheit und uneingeschränktem Glück bildete den Kern der neuen Fortschrittsreligion, und eine neue irdische Stadt des Fortschritts ersetzte die »Stadt Gottes«. Ist es verwunderlich, daß dieser neue Glaube seine Anhänger mit Energie, Vitalität und Hoffnung erfüllte? Man muss sich die Tragweite der Großen Verheißung und die phantastischen materiellen und geistigen Leistungen des Industriezeitalters vor Augen halten, um das Trauma zu verstehen, das die beginnende Einsicht in ihr Fehlschlag heute auslöst. Denn das Industriezeitalter ist in der Tat nicht imstande gewesen, seine Große Verheißung einzulösen, und immer mehr Menschen werden sich der Tatsache bewusst:

dass Glück und größtmögliches Vergnügen nicht aus der uneingeschränkten Befriedigung aller Wünsche resultieren und nicht zu Wohlbefinden führen;

dass der Traum, unabhängige Herren über unser Leben zu sein, mit unserer Erkenntnis endete, daß wir alle zu Rädern in der bürokratischen Maschine geworden sind;

dass unsere Gedanken, Gefühle und Vorlieben durch den Industrie- und Staatsapparat manipuliert werden, der die Massenmedien beherrscht; daß der wachsende wirtschaftliche Fortschritt auf die reichen Nationen beschränkt blieb und der Abstand zwischen ihnen und den armen Nationen immer größer geworden ist;

dass der technische Fortschritt sowohl ökologische Belastungen als auch die Gefahr eines Atomkrieges mit sich brachte, die jede für sich oder beide zusammen jeglicher Zivilisation und vielleicht sogar jedem Leben ein Ende bereiten können.

Als Albert Schweitzer 1952 zur Entgegennahme des Friedensnobelpreises nach Oslo kam, forderte er die ganze Welt auf: »Wagen wir die Dinge zu sehen wie sie sind. Es hat sich ereignet, daß der Mensch ein Übermensch geworden ist… Er bringt die übermenschliche Vernünftigkeit, die dem Besitz übermenschlicher Macht entsprechen sollte, nicht auf . . . Damit wird nun vollends offenbar, was man sich vorher nicht recht eingestehen wollte, daß der Übermensch mit dem Zunehmen seiner Macht zugleich immer mehr zum armseligen Menschen wird … Was uns aber eigentlich zu Bewusstsein kommen sollte und schon lange vorher hätte kommen sollen, ist dies, daß wir als Übermenschen Unmenschen geworden sind.«

Während im Privatleben nur ein Wahnsinniger bei der Bedrohung seiner gesamten Existenz untätig bleiben würde, unternehmen die für das öffentliche Wohl Verantwortlichen praktisch nichts, und diejenigen, die sich ihnen anvertraut haben, lassen sie gewähren. Wie ist es möglich, daß der stärkste aller Instinkte, der Selbsterhaltungstrieb, nicht mehr zu funktionieren scheint? Eine der naheliegendsten Erklärungen ist, daß die Politiker mit vielem, was sie tun, vorgeben, wirksame Maßnahmen zur Abwendung der Katastrophe zu ergreifen. Endlose Konferenzen, Resolutionen und Abrüstungsverhandlungen erwecken den Eindruck, als habe man die Probleme erkannt und unternehme etwas zu ihrer Lösung. De facto geschieht zwar nichts, was uns wirklich weiterhilft, aber Führer und Geführte betäuben ihr Gewissen und ihren Überlebenswunsch, indem sie sich den Anschein geben, den Weg zu kennen und in die richtige Richtung zu marschieren.

Eine andere Erklärung ist, daß der vom System hervorgebrachte Egoismus die Politiker veranlasst, ihren persönlichen Erfolg höher zu bewerten als ihre gesellschaftliche Verantwortung. Niemand empfindet es mehr als schockierend, wenn Staats- und Wirtschaftsführer Entscheidungen treffen, die ihnen zum persönlichen Vorteil zu gereichen scheinen, dabei aber schädlich und gefährlich für die Gemeinschaft sind. Wenn die Selbstsucht eine der Säulen der heute praktizierten Ethik ist, muss man sich in der Tat fragen, warum sie sich anders verhalten sollten. Sie scheinen nicht zu wissen, daß Habgier (ebenso wie Unterwerfung) die Menschen verdummt und sie unfähig zur Verfolgung selbst ihrer eigenen wahren Interessen macht, ob diese nun ihr eigenes Leben oder das ihrer Frauen und Kinder betreffen. (Siehe dazu J. Piaget, Das moralische Urteil beim Kinde).

Gleichzeitig ist der Durchschnittsmensch so selbstsüchtig mit seinen Privatangelegenheiten beschäftigt, daß er allem, was über seinen persönlichen Bereich hinausgeht, nur wenig Beachtung schenkt. Ein dritter Grund ist, daß die notwendigen Veränderungen so einschneidend sind, daß der einzelne die sich am Horizont abzeichnende Katastrophe den Opfern vorzieht, die er jetzt bringen müsste. Dies ist eine verbreitete Einstellung. Arthur Koestler hat uns ein bezeichnendes Beispiel dafür in der Schilderung eines Erlebnisses im Spanischen Bürgerkrieg gegeben. Er hielt sich eben in der komfortablen Villa eines Freundes auf, als der Vormarsch der Franco-Truppen gemeldet wurde. Es stand außer Zweifel, daß sie im Laufe der Nacht das Haus erreichen würden; er musste damit rechnen, erschossen zu werden; durch Flucht konnte er sein Leben retten.

Aber die Nacht war kalt und regnerisch, das Haus warm und behaglich. Also blieb er und ließ sich gefangen nehmen. Sein Leben wurde erst Wochen später fast wie durch ein Wunder dank der Bemühungen sympathisierender Journalisten gerettet. Das gleiche Verhalten findet man bei Menschen, die lieber ihr Leben riskieren, als sich einer ärztlichen Untersuchung zu unterziehen, die eine ernste Erkrankung und die Notwendigkeit einer schweren Operation ergeben könnte. Außer den genannten Erklärungen für die verhängnisvolle Passivität des Menschen, wenn es um Leben oder Tod geht, gibt es noch eine weitere Gründe, die ihrem Schicksal erliegen. Ich spreche von der Ansicht, daß es keine Alternativen zum Monopolkapitalismus, zum sozialdemokratischen oder sowjetischen Sozialismus oder zum technokratischen »Faschismus mit lächelndem Gesicht« gebe.

Die Popularität dieser Ansicht ist zum großen Teil darauf zurückzuführen, daß kaum der Versuch unternommen wurde, die Möglichkeiten einer Verwirklichung völlig neuer gesellschaftlicher Modelle zu untersuchen und entsprechende Experimente zu machen. Und darüber hinaus: Solange die Probleme der gesellschaftlichen Rekonstruktion nicht wenigstens zu einem großen Teil den Platz einnehmen, der gegenwärtig bei unseren besten Köpfen von der leidenschaftlichen Beschäftigung mit Naturwissenschaft und Technik besetzt wird, solange die Wissenschaft vom Menschen nicht die Anziehung hat, die der Naturwissenschaft und Technik bisher vorbehalten waren, werden Kraft und Vision mangeln, neue und reale Alternativen zu sehen.

Die letzten Tage des Jahres 2008 nehmen ihren Lauf und ich hoffe sehr, dass die Menschen im nächsten Jahr, mehr und mehr zur Besinnung kommen. Das die Menschen erkennen, wer der eigentliche Feind ist, wer die Kriegstreiber sind, wer für Ungerechtigkeit und Willkür sorgt, wer sich dauernd in Wiedersprüche verheddert. Ich wünsche allen lesern einen schönen 2. Wheinachtstag und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2009. Die Anzahl der Beiträge werden vorraussichtlich etwas weniger werden, da ich im nächsten Jahr einen Arbeitsvertrag unterschreiben werde. Konzentrieren wir uns auf das was kommt, egal ob es gute oder schwierige Zeiten werden. Wir müssen, ob es uns gefällt oder nicht, die Dinge so hinnehmen wie sie eben kommen, die Dinge so akzeptieren lernen wie sie eben kommen.

Alles liebe wünscht euch Andreas – euer GedankenVerbrecher-Blog

Ich möchte abschließend noch allen für den Zuspruch, den netten Kommentaren und E-Mails danken, die mich immer wieder dazu ermutigen, weiter zu machen, zu schreiben was ich über diese Welt denke in der wir leben.

Danke!

  1. 28. Dezember 2008 um 06:21

    °° Hallo Dennis,

    herzlichen Dank für die aufrichtigen Worte, die mir gleich aufgefallen sind: wer immer das geschrieben hat, macht sich selber nichts vor, macht sich Gedanken um das eigene Verhalten obwohl die Welt um uns herum ständig an Geschwindigkeit zunimmt und den Menschen so gut wie keinen Raum lässt, um sich mit der Kausalität, der Armut und Ungerechtigkeit auseinander zu setzen – und wie Sie abschließend die Frage nach der „Ursache für die Ursache“ stellen. Ich finde das bemerkenswert und Ihre 22 Jahre spielen in diesem Spiel keine Rolle.

    Wenn man die anerzogene Brille erst einmal abgenommen hat und die Augen benutzt um zu sehen, so kann ich Ihr Gefühl von Macht- und Kraftlosigkeit sehr gut nachempfinden. Ich bin 31 und habe mit 22 eine andere Vorstellung von Werten gehabt, andere Ziele und vor allem – die Welt aus einer Perspektive gesehen, die ich mir heute nicht erklären kann. Besser gesagt: Der Augenblick oder die Zeit in der sich mein „aufwachen“ Schritt für Schritt entwickelte – aber der „Werdegang“ dorthin nicht mehr erinnern kann. Das würde zumindest erklären, warum sich der Mensch an so viele Dinge gewöhnt. Viel Leid und noch mehr Leid – der Mensch passt sich erschreckend an, wenn er die Zeit hat, sich daran zu gewöhnen. Eine große Falle, wie mir scheint.

    Ich habe vor 3 Jahren noch kein einziges Buch in meinem Leben gelesen. In den letzten 3 Jahren habe wohl mehr gelesen, als in meinem Leben zuvor. Diese Zeit war wie eine Bewusstseinsveränderung in nahezu allen Lebensbereichen, die mir zu Anfang, Ängste und Sorgen bereitet haben, sich die Suche nach dem Sinn des Lebens weiter von entfernte. Ich habe mich oft gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre – einiges nicht zu wissen oder erfahren zu haben. Heute bin ich sehr froh darüber. Ich lebe mein Leben nicht nach der Geschwindigkeit, die uns aufgezwungen wird, ob das für mich von Vorteil oder Nachteil ist, frage ich mich nicht mehr, denn dies zu hinterfragen wäre für mich der einzige Nachteil der dabei entstehen kann.

    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ebenfalls, schöne Feiertage (falls Sie zu den glücklichen gehören, die noch Urlaub haben).

    Wenn Sie erlauben, schicke ich Ihnen eine E-Post. Mit einigen Texten, die mir sehr geholfen haben, diese „Ursache der Ursache“ – nicht zu finden – aber den Sinn darin zu verstehen. Das mag sich vielleicht seltsam anhören, wenn ich von einem Sinn in diesem Chaos spreche/schreibe… dafür gibt es gute Gründe – die ausnahmsweise nicht von Politik und Kasinokapitalismus geleitet und angestrebt werden.
    …wir lesen uns

    Gruß und Dank

    Andreas

  2. 27. Dezember 2008 um 21:18

    Ebenfalls Danke.
    Obwohl ich die Gefahren und Bedrohungen sehe, mich aus Desinteresse den manipulierenden Medien entziehe, in allem und jeder Nachricht die Intention derselbigen zu erkennen weiß (bzw. glaube), mir der gravierenden (welt-)politischen Misstände bewusst bin und mich immer wieder ernsthaft darüber aufrege, und geradeeinmal 22 Jahre jung bin, neige ich zur oben beschriebenen Passivität. Ich WILL was tun, aber habe das Gefühl macht- und kraftlos zu sein, drücke mich mittlerweile vor jeder Kleinigkeit (wohingegen ich früher scheinbar Unüberwindbares einfach und spontan angegangen bin…).
    Diese fast schon „widerwillige Passivität“ begleitet mich permanent und ich bin mir ihrer völlig bewusst, und sehe mich auch oft mit ihren Konsequenzen konfrontiert.. Trotzdem gelingt es mir kaum diese Passivität zu überwinden, und vielen scheint es da noch viel schlimmer zu gehen.
    Werden wir bewusst „entkräftet“? Absichtliche Verkehrsbehinderungen in der Stadt, Bürokratie ohne Ende (jeder Selbstsändige wird ein Liedchen davon singen können, aber nicht nur die), Überhäufung mit (Falsch-) Informationen.. nur um wenige zu nennen. Welche Rolle die Nahrungsmittel- und Pharmaindustie da spielt, wage ich mir nicht auszumalen.
    Gibt es eine Ursache für die Ursache?
    Euch allen wunderbare Feiertage.
    Dennis

  1. 28. Dezember 2008 um 17:10
  2. 28. Dezember 2008 um 16:29

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