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»Ich fordere hiermit auf, radikal gegen die Manipulierung der Sprache vorzugehen. Das ist eine Aufgabe besonders für Journalisten, damit nicht so viele Leute sich manipulieren lassen und durch die Sprache um die Wahrheit betrogen werden«

(Eberhard, 1983, S.211)

Der Spruch »Stellt euch vor, es ist Krieg, und keiner geht hin« ziert unzählige Plakate und Poster und wird gern als pazifistisches Schlagwort verwendet. Berthold Brecht hat diesen Spruch vervollständigt: »Stellt euch vor, es ist Krieg, und keiner geht hin, dann kommt der Krieg zu Euch!« Dadurch aber erhält der Spruch eine ganz andere Bedeutung. Diese Veränderung des Sinnes von Worten ist Sprachmanipulation und dient der Verharmlosung, Verschleierung oder Umkehrung von Sachverhalten. Einige Beispiele werden Klarheit darüber verschaffen:

Steuerreform anstatt Steuererhöhung; Regierungsfähigkeit anstelle Preisgabe von Grundsätzen; Erkenntnisse sammeln statt bespitzeln oder schützen anstelle von zensieren.

Welche Bezeichnung gewählt wird, ist jeweils abhängig von den Interessen der Sprachmanipulierer. So wird der Freiheitskämpfer der einen der Terrorist der anderen. Besonders die Wortwahl bei der Beschreibung politischer Gruppen lässt viel Freiraum für Sprachmanipulation: Wer ist radikal, wer extrem? Und wer muss gar als verfassungsfeindlich bezeichnet werden? Ab wann ist eine Gruppe rechts oder links, ab wann rechts- oder linksradikal, rechts- oder linksextrem, oder gar verfassungsfeindlich? Wer ist regierungsfähig, wer fundamentalistisch oder wer gar populistisch?

Welche Partei ist verbotswürdig, bei welcher sollte man darüber nachdenken? Wer heute diese Worte schnell in den Mund nimmt, sollte über folgende Passage nachdenken, die aus einem Artikel des sich selbst ausdrücklich als links einordnenden Journalisten Fritz Eberhard (1983) über Sprachmanipulation entnommen ist:


Verunglimpfung oppositionellen Denkens und Unterlaufen der Verfassung geschieht in den 1990ern mit der Bezeichnung »rechts«. Einmal so eingeordnet, scheint das Grundgesetz für die Betroffenen genau so aufgehoben wie für Linke zur Zeit des unglückseligen Radikalenerlasses in den 1970er Jahren. Die Gleichsetzung von rechts mit verfassungsfeindlich und böse führte mittlerweile so weit, dass der damalige Innenminister und heutige Ministerpräsident des Landes Niedersachsen alle Rechten mit Scheiße gleichsetzte:

»Zwischen den Rechten zu differenzieren, das hieße, Scheiße nach dem Geruch zu unterscheiden«

Dieser Ausspruch im Frühjahr 1998 nach dem DVU-Wahlerfolg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war die Reaktion des Innenministers auf die Forderung, die DVU nicht mit prügelnden Glatzen und Mordbrennern in einen Topf zu werfen. Nach dieser undemokratischen Äußerung erhob sich allerdings kein Proteststurm, wie damals berechtigterweise nach dem skandalösen Ausspruch der »Ratten und Schmeißfliegen« eines F.J. Strauß oder den Vorgängen um Böll nach seinem Kommentar zur RAF im Nachrichtenmagazin Der Spiegel.

Am Umgang mit oppositionellem Denken hat sich seither nichts verändert. Gewirkt hat aber die Sprachmanipulation, denn ansonsten ist es unverständlich, dass sich kaum Widerstand regt gegen die propagandistische Hetze gegen Andersdenkende in der BRDeutschland der 1990er Jahre. Was kann man von diversen Gutmenschen noch anderes erwarten, als das diese sich gerne der moralischen Sprachhülsen bedienen? Begriffe wie Betroffenheit, demokratische Parteien (in den 1990ern gelten PDS und DVU als undemokratisch), Empörung, Wut und Trauer, Mauer im Kopf oder Vergangenheitsbewältigung wurde Mitte der 1990er Jahre bis zum abwinken zu einer »pflaumenweichen sozialdemokratischen Streitkultur« (Bittermann & Henschel, 1994) verwurstelt.

In ihrem Wörterbuch der Schaumsprache beschreiben die sich ebenfalls als links einstufenden Herausgeber Bittermann und Henschel die »Gartenlauben der Gutmenschen« (S.7) recht anschaulich.


Bittermann und Henschel schlussfolgern, alles aufsässige und radikal Oppositionelle sei von den Gutmenschen so weichgespült worden, dass ein Heiner Geißler bereits als Querdenker gelte. Am Schluss des Wörterbuches lassen Bittermann und Henschel erkennen, dass sie den Sprachgebrauch der selbsternannten Gutmenschen durchschaut haben, und gelangen zu der Meinung, dass mittlerweile Gutmenschenvokabular als staatstragend gelte.

Verwundert es da noch, dass sich Gutmenschen nicht darum scheren, wenn Andersdenkende verfolgt werden, solange sie selbst keiner beim taz-Lesen und Leserbreifschreiben stört? Schließlich sind sie ja «staatstragend« (übrigens in den 1980ern noch ein Schimpfwort der Linken) und damit im Recht. Dieses Recht wird weidlich ausgenutzt und beugen es auch, wenn es sein muss.

Doch alle moralische Aufplusterung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Staatstragende selbstgerecht, verlogen, undemokratisch und ungerecht sind. Denn wer selbst an der Macht ist, kümmert sich nicht mehr viel um Gerechtigkeit gegenüber anderen. Wehmütig kommt einem bei diesen Zuständen ein in den 1970ern beliebter Wandspruch in den Sinn: »Kampf dem Establishment«. Woran mag es liegen, dass derartiges heute leider kaum noch zu lesen ist?

Zeit für ein paar Phrasen und wie man eine Sprache mehr als nur vergewaltigt. Ein prägendes Beispiel aus dem Jahr 1996 ist ein Werbeslogan von McDonalds.

»Food, Fun und Leckerness«

In technischen Bereichen wie aus der Computersprache, sind eingedeutschte Begriffe gar nicht schlimm, sie sind sogar hilfreich. Keine Sprache der Welt kann ohne Begriffe einer anderen auskommen. Andererseits aber werden auch viele Wörter der Alltagssprache durch Anglizismen ersetzt. Die Vielfalt der der Sprachen und die kulturelle Selbstbestimmung der Völker wird dadurch zerstört und in ein globales Gestammel ersetzt. Die deutsche Sprache musste seit der 1945er Jahre einer Flut von unnötigen Anglizismen über dich ergehen lassen. Einige Phrasen zeigen, dass sie eher peinlich denn modisch wirken und ihr Gebrauch mit sprachlichem Feingefühl nichts mehr gemein hat.

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Peinlich wird es, wenn die Wörter nicht mehr passend verwendet werden. Die immer öfter benutzte City meint im Englischen nicht die Innenstadt, sondern die Stadt als Verwaltungseinheit. Die Innenstadt im Englischen ist down-town. Ein oldtimer ist keineswegs ein altes Auto, sondern ein den Traditionen verhafteter Mensch, der nicht mal alt sein muss. Das für die britische Königsfamilie genutzte Wort royalitis bedeutet im Englischen Gewinnanteil und der anstelle von Verlierern zu lesende looser schreibt sich richtig loser. Verwirrung gibt es ständig mit live und life und so kommt die falsche Life-Übertragung zustande. Warum nicht einfach Direktübertragung ?

Das Outing, also die von einigen Homosexuellen in Deutschland geforderte Offenbarung homosexueller Neigungen, ist im Englischen etwas völlig anderes, nämlich ein harmloser Spaziergang. Auch das Handy gibt es im Englischen mit dem Deutschen Zusammenhang nicht, richtig müsste es mobile phone heißen. Weitere unbekannte Worte sind Talkmaster, Hardliner, Talkshow oder Dressman. Es ist müßig darüber zu streiten, ob diese Sprachvergewaltigung gesteuert ist oder nicht. Eines ist jedenfalls sicher und unbestreitbar: unnötig. Von einer Weiterentwicklung der Sprache kann jedenfalls bei solchem Sprachmüll keine Rede sein.

Einige Journalisten machen sich über die deutschen Anglizismen lustig, mit Recht.

»Liebe germans,i have a Bitte: Stopp throwing English words into German sentences«

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Andreas Helten

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ipip


  1. wibald
    14. November 2008 um 18:18

    »Ich fordere hiermit auf, radikal gegen die Manipulierung der Sprache vorzugehen. Das ist eine Aufgabe besonders für Journalisten, damit nicht so viele Leute sich manipulieren lassen und durch die Sprache um die Wahrheit betrogen werden«

    Das sind Sätze, die man nur dick unterstreichen kann, zum Beispiel auch aus der Tradition eines Karl Kraus heraus; die Fackel leuchtet nun schon gut 100 Jahre, aber die Dinge wiederholen sich in erschreckender Weise. Doch welche Journalisten sollen diese Aufgabe wahrnehmen? Die Schreibsklaven und Maulhuren des „Medienbordells“, die das äußern müssen, was die virtuelle Reichsschrifttumskammer vorgibt? Nur noch wenige Buchautoren und einige Internetzer halten dagegen. Allerdings verlottert die Sprache im Schnellschreibnetz; das beginnt schon damit, dass sich Autoren über die Weltlage breit und klug äußern und die Unterschiede zwischen „das“ und „dass/daß“ nicht zu kennen scheinen. Ich habe dann Probleme, diesen Autoren abzunehmen, dass sie fähig sind, die Manipulationsgewalt der Sprache der Mächtigen zu durchschauen und zu entlarven. A.H. ist hier eine wohltuende Ausnahme. Gratulation und Dank!

    Wibald

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