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Nachtfahrt des Geistes – Aldous Huxleys „schöne neue Welt“

Aldous Huxleys berühmter Roman erschien 1932, eine Neuausgabe mit einem Vorwort des Verfassers 1949. In ihm fasst Huxley die Grundvoraussetzungen der „schönen neuen Welt“ so zusammen: „Die Liebe zur Sklaverei kann nicht fest verankert sein, wenn sie nicht das Ergebnis einer tiefgehenden persönlichen Revolution in den Gemütern und Leibern der Menschen ist. Um die herbeizuführen, bedarf es unter anderem der folgenden Entdeckungen und Erfindungen: erstens einer sehr verbesserten Methode der Suggestion – durch Konditionieren der Reflexe das Kleinkinds […]; zweitens einer voll entwickelten Wissenschaft von den Unterschieden der Menschen, die es den von der Regierung gestellten Managern ermöglicht, jedem beliebigen Individuum seinen oder ihren Platz in der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rangordnung anzuweisen […]; drittens […] bedarf es eines Ersatzes für Alkohol und die andern Rauschmittel, etwas, das zugleich weniger schadet und mehr Genuss bringt als Branntwein oder Heroin; und viertens […] eines betriebssicheren Systems der Eugenik, darauf berechnet, das Menschenmaterial zu normen und so die Aufgabe der Manager zu erleichtern“.

Das Gesellschaftssystem, das Huxley in seinem Buch beschreibt, erfüllt alle diese Voraussetzungen. Es gibt keine normale Zeugung, Schwangerschaft und Geburt mehr, vielmehr werden durch (uns heute schon primitiv anmutende) Methoden befruchtete Eier zur Teilung gebracht und so identische – ‚geklonte‘ – Embryos in „Flaschen“ aufgezogen. Die Suggestion beginnt bereits im pränatalen Stadium des Lebens und setzt sich in den Jahren der Kindheit durch Prägung der Träume fort. Vier Klassen, mit ihren Unterklassen, von Menschen entstehen, von geistig beschränkten Deltas, die primitivste Hilfsarbeiten verrichten, bis zu den Alphas, die für Leitungsfunktionen vorgesehen sind. Alle erhalten ihre tägliche „Soma“-Ration, die ihnen hilft, ihr Dasein zufrieden und glücklich hinzubringen. Entscheidend ist jedoch, was Huxley seinen „Weltaufsichtsrat“ einer Gruppe von Studenten erläutern lässt: „Unterdrückte Triebe fließen über, werden zu Gefühlen, zu Leidenschaften, sogar zu Wahnsinn, je nach der Gewalt des Stroms, der Höhe und Stärke der Dämme. Der ungehemmte Strom ergießt sich sanft in sein vorbezeichnetes Bett, mündet in stilles Behagen“ (S. 50). Die schöne neue Welt beruht mithin nicht auf Triebunterdrückung und sexueller Frustration, sondern darauf, gerade die körperlichen Bedürfnisse bereits unmittelbar nach ihrem Entstehen zu befriedigen.

Folglich sind die alten moralischen Werte radikal abgeschafft. Bereits Kinder werden in sexuellen Spielen unterwiesen, und der Erwachsene ist häufiger Partnerwechsel selbstverständlich. Einsamkeit oder auch die Fixierung des Gefühls auf einen einzelnen Menschen gelten als verdächtig. Am Schluss des Romans erklärt derselbe „Weltaufsichtsrat“ einem gesellschaftlichen Außenseiter – dem „Wilden“, der aus einer Reservation stammt – die Grundlagen der neuen Ordnung: „Erkenntnis war das höchste Gut, Wahrheit der höchste Wert, der Rest war nebensächlich und untergeordnet [in der „alten“ Welt]. Allerdings begannen sich schon damals die Anschauungen zu verschieben. Ford der Herr selbst trug viel dazu bei, das Schwergewicht von Wahrheit und Schönheit auf Bequemlichkeit und Glück zu verlegen. Die Massenerzeugung verlangte diese Verschiebung. Allgemeine Glückseligkeit lässt die Räder unablässig laufen; Wahrheit und Schönheit bringen das nicht zuwege. Und natürlich ging es, so oft die Massen ans Staatsruder kamen, stets mehr um Glück als um Wahrheit und Schönheit“ (S. 192). Und: „Industrielle Zivilisation ist nur ohne Selbstverleugnung möglich“ (S. 199). – Leider weist die Lesung hier, wo Huxley seinen Chefmanager die Basis der neuen Wirtschaftsform beschreiben lässt, die meisten Kürzungen auf. Natürlich wird der Fortgang der Handlung durch solche Theorie aufgehalten, insofern ist der Entschluss, an dieser Stelle zu straffen, nachvollziehbar. Wer sich also mit diesen wichtigen Passagen genauer befassen will, wird zum Buch greifen.

Huxley charakterisiert, in satirischer Überzeichnung, eine Gesellschaft, die sich zu seiner Zeit gerade erst zu bilden beginnt. In ihr kommt den „Massen“, von denen Ortega y Gasset in seinem berühmten, 1930, ein Jahr vor der „Schönen neuen Welt“, erschienenen Buch spricht, und den neuen Techniken ihrer Beherrschung eine Schlüsselstellung zu. Der Satz: „Industrielle Zivilisation ist nur ohne Selbstverleugnung möglich“ skizziert die Grundstruktur der eigentlich schon nachmodernen Ökonomie und Politik. Herbert Marcuse hat ihre Tendenzen mit dem Terminus „repressive Entsublimierung“ umschrieben und greift so, dreieinhalb Jahrzehnte nach Huxley, auf, was dieser in seiner Vision einer negativen Utopie zeigt. Die Menschen einer Massengesellschaft ersetzen auf Selbsttranszendierung ausgerichtete Werte durch „eindimensionale“. Jede Anstrengung und Arbeitsleistung, die natürlich nach wie vor gefordert ist, soll dazu dienen, eine Befriedigung von Bedürfnissen zu ermöglichen, die selber technisch stimuliert, ja produziert werden. Für Huxley ist es keine Frage, dass das „Glück“, das eine solche Bedürfnisbefriedigung gewährt, unecht ist (vgl. S. 154). An die Stelle der „Wirklichkeit des Augenblicks“, seiner „Erhabenheit, Bedeutsamkeit und beängstigende[n] Einmaligkeit“ (S. 174) treten Simulacren, wie Jean Baudrillard die Gebilde einer Scheinwirklichkeit nennt, in der es keinen Sinn mehr macht, zwischen „wahr“ und „falsch“ zu unterscheiden.

Baudrillard hat, mit allerdings sehr unzulänglichen Mitteln, versucht, eine „Hyperrealität“ der Simulation zu beschreiben, in der es gerade keinen Maßstab mehr gibt, um zwischen „unechtem“ und „echtem“ Glück zu differenzieren. Huxleys Roman basiert einerseits noch auf dieser Differenz; andererseits drängt er dazu, sie aufzuheben – und eben hierin liegt seine Aktualität. Wenn die „Massen“ und die ihnen entsprechende Produktion und Konsumtion die Gesamtstruktur einer Gesellschaft bestimmen, kann man theoretisch keinen fundamentalen Unterschied mehr zwischen „Wahrheit“ und „Ideologie“ oder „verdinglichtem Denken“, wie Marcuse es noch tut, setzen. Die Nachmoderne wird ursprungslos und solchermaßen zur durch und durch gemachten Wirklichkeit, die sich auf keine Tradition mehr stützt: Bücher sind in der „schönen neuen Welt“ verboten, von Geschichte haben ihre Bewohner keinen Begriff, und künstliche Materialien sind längst, nicht nur bei der Kleiderherstellung, sondern umfassend, an die Stelle jeder Art von „Natur“ getreten.

Gibt es folglich nur noch eine umfassende Lüge (bestätigen die Amerikaner Bush deswegen im Amt, weil sie ihm mehr als seinem Konkurrenten zutrauen, sich für „Werte und Normen“ einzusetzen?), hat das Scheinhafte das Reale gänzlich ersetzt? Es gibt derzeit keine wirkliche Reaktionsmöglichkeit auf die ökonomisch-politischen Globalisierungsprozesse, die alle Lebensbereiche, bis hin zu scheinbar gänzlich subjektiven Geschmacksäußerungen, durchdringen, weil niemand eine Antwort auf diese Fragen weiß. Huxley hat sie bereits vor über siebzig Jahren gestellt, auf eine Weise, die heute manchmal naiv anmutet und gerade deswegen geeignet ist, uns die Situation, in der wir uns befinden, direkt und unmittelbar vor Augen zu führen.

Die Marburger Aufnahme ist ausgezeichnet. Bis auf zwei oder drei kleine Ausnahmen, in denen Eckardt zu sehr ins Persiflagehafte gerät (wozu der Text allerdings durchaus einlädt, etwa bei der Beschreibung der „Eintrachtsandacht“ im fünften Kapitel), hört man seiner ruhigen und doch intensiven Stimme aufmerksam zu. Großartig, ein Höhepunkt der Produktion, ist die Lesung des siebten Kapitels, in dem Huxley eine im Reservat stattfindende Kulthandlung beschreibt. Der Roman selbst hat unleugbar manche Schwächen, die aber auf erstaunliche Weise durch den Vortrag Eckardts ausgeglichen werden: die Spannung beim Zuhören bleibt bis zur letzten Szene erhalten, der Text selber erfährt gleichsam eine Verlebendigung. Zudem wird wie von selbst sein aktueller Bezug freigelegt; er ist es, der die Aufnahme noch lange nachwirken lässt.

Aldous Huxley: Schöne neue Welt, Sprecher: Hans Eckardt, Regie: Markus Saborowski, 6 CDs, Laufzeit 459 Minuten, leicht gekürzte Lesung, Produktion: Verlag und Studio für Hörbuchproduktionen, Marburg 2004, ISBN 3-89614-330-1 36 €

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