Das Blowback-Prinzip

«Der Imperialismus folgt seinen eigenen Gesetzen. Expansion dient nicht – sie ist das Gesetz. Charakteristikum eines Imperiums ist die Ausdehnung an sich. Das Blowback-Prinzip treibt sie vorwärts. Die Vereinigten Staaten versuchen nun das überholte Prinzip der Herrschaft durch Marionettenstaaten am Golf durch direkte Militärpräsenz zu ersetzten.»

«… in Wirklichkeit bedeutet Globalisierung nichts anderes als Amerikanisierung. Man will verschleiern, daß die Völker Opfer des amerikanischen Imperialismus werden und macht ihnen weis, es handle sich um einen unvermeidlichen wirtschaftlichen Prozeß, der durch den Fortschritt herbeigeführt werde und an dem sie durch Anpassung teilhaben könnten. Tatsächlich aber ist es unmöglich teilzuhaben, ohne Bestandteil des amerikanischen Imperiums zu werden. Globalisierung spiegelt eine Fassade internationalen Rechts vor, an das sich die USA selbst nicht halten, wenn es ihren Interessen widerspricht.»

Chalmers Johnson

Der Krieg gegen den Irak war schon vor dem 11. September geplant, aber es fehlte das Argument, um die Öffentlichkeit – in den USA und anderswo – in Kriegsstimmung zu versetzen. Der 11. September lieferte dieses Argument und kam daher wie gerufen, so der amerikanische Politologe Chalmers Johnson, der im ganz offensichtlich kurz bevorstehenden Angriff der USA auf den Irak eine geradezu klassische Bestätigung seiner Theorie sieht, dass Imperien sich nach dem «Blow back»-Prinzip entfalten. «Blowback», ein Ausdruck aus dem CIA-Jargon, bezeichnet dabei die (unbeabsichtigte) Rückwirkung einer verdeckten Intervention, wo durch eine weitere Intervention notwendig wird, was einen erneuten «Blowback» zur Folge hat usw. usf., bis die ständig intervenierende imperiale Macht im Strudel dieses Spiralprozesses versinkt.

Der 11. September ist ein klassischer Fall: Vor fünfzig Jahren veranlasste die CIA den Sturz des demokratisch gewählten iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh, weil dieser 1951 die damals noch in britischem Besitz befindlichen Ölquellen verstaatlicht hatte. Das danach unter dem Schah installierte Regime ließ Opposition nicht mehr zu, so dass es 1979 schließlich zum ersten «Blowback» kam: der Schah wurde gestürzt, die islamische Revolution brachte Khomeini an die Macht. Um diese unerwünschte Rückwirkung der ersten Aktion rückgängig zu machen, unterstützte man Saddam Husseins Krieg gegen den Iran, bedachte jedoch nicht, dass Saddam danach sich darauf besinnen könnte, dass Kuwait unerlöstes irakisches Gebiet sei – wie für einen irakischen Staatschef üblich: zweiter «Blowback»! Dies wiederum machte den 2. Golfkrieg zur Befreiung Kuwaits notwendig, was jedoch, da durch diesen Krieg sich die amerikanische Militärpräsenz auf der arabischen Halbinsel stark erhöht hatte, den Zorn der mohammedanischen Gläubigen hervorrief, Saudi Arabien damit destabilisierte und zu den Ereignissen des 11. Septembers führte. Saudi-Arabien muss folglich als das andere amerikanische Standbein am Golf ersetzt werden, wozu der Irak geradezu prädestiniert ist, da er vermutlich nach Saudi Arabien über die zweit größten Erdölvorkommen der Welt verfügt, und der 11. September liefert den gewünschten Vorwand für den dazu notwendigen Angriffskrieg. Gelingt die Eroberung des Iraks, werden die USA zwischen Euphrat und Tigris ihre Stützpunkte errichten und Persien ins Visier nehmen, um ihre ursprüngliche Machtstellung in der Region endgültig zurück zu gewinnen. Direkte Militärpräsenz wird das untauglich gewordene Instrument indirekter Herrschaft durch Marionettenstaaten, wie Saudi Arabien und das frühere Persien, ersetzen.

Zu Beginn eines Imperiums mögen durchaus beschränkte Ziele der Saturierung Sicherung und Prävention eine Rolle spielen, doch sobald auf diese Weise der Anstoß erfolgt ist, wird die Expansion vom «Blowback»-Prinzip vorangetrieben, bis das Imperium in einen Zustand der Überdehnung gerät. Einen Zustand, den das US-Imperium bereits erreicht hat, denn die heutige US-Militärdoktrin will die Entstehung eines Gegners erst gar nicht mehr zulassen, wohl wissend, dass das Imperium mit einem solchen kaum noch fertig werden könnte.

Die Dimensionen der weltweiten Präsenz der USA lassen sich bereits an einigen dürren Zahlen erkennen: Die Zahl der amerikanischen Militärstützpunkte im Ausland beträgt insgesamt 725, wovon allein auf Deutschland 27 Stützpunkte der US-Army entfallen, plus 2 Fliegerhorste. Japan beherbergt sogar 91 Militärstützpunkte. Der Zerfall der Sowjetunion hat die Zahl der US-Positionen keineswegs schrumpfen lassen – im Gegenteil: durch die jugoslawischen Bürger- und Sezessionskriege und den 11. September sind neue hinzugekommen, teilweise, verglichen mit ihrer offiziellen Aufgabe, völlig überdimensionierte, wie diejenigen auf dem Balkan. Und so werden auch die in Zentralasien errichteten mit dem Ende der Operationen in Afghanistan kaum wieder geräumt werden.

Wenn das Imperium solcherart wächst, wächst das Militär ebenso; es setzt eine allgemeine Militarisierung ein – auch im Innern: Freiheit und Bürgerrechte geraten in Gefahr, und die Entwicklung einer Diktatur muss als realistische Möglichkeit angesehen werden. Die US-Streitkräfte erfreuen sich bereits jetzt einer Art Autonomie und eines gewissen politischen Eigenlebens. Das State Department hat an Bedeutung außerordentlich verloren, während das Pentagon fast zum Rang einer Nebenregierung aufgestiegen ist. So kann es auch nicht verwundern, dass sich die US-Geheimdienste heutzutage vornehmlich mit verdeckten Operationen und nicht mehr mit klassischer Spionage und deren Abwehr beschäftigen. Sie sind sozusagen eine Privatarmee des Präsidenten geworden.

Und so wie das Militär verschmilzt auch die Wirtschaft mit der Politik und wird wie das Militär zu einem imperialen Herrschaftsinstrument: Globalisierung ist ein ideologischer Begriff, der verschleiern soll, dass es sich in Tat und Wahrheit um Amerikanisierung handelt. Man suggeriert einen zwangsläufigen Prozess technischen Fortschritts, an dem jeder teilhaben könne. Aber Teilhabe bedeutet Eingemeindung in das amerikanische Imperium. Das Völkerrecht, mit dem sich die Globalisierung schmückt, ist bloße Kaschierung: im Zweifelsfall fühlen sich die USA daran nicht gebunden.

Schließlich jedoch wird das US-Imperium durch innere Schwäche zerbrechen: Krisen im Mutterland, Aufstände an der Peripherie, die kriegerisch ausfranst, mehr «Blowbacks», die zuletzt auch die treuen Bundesgenossen des Hegemons in Gestalt asymmetrischer Kriegsführung treffen werden. Die Implosion wird wahrscheinlich mit der Wirtschaft beginnen, und dann wird es zu einem Aufstand all jener kommen, denen ihr Land noch etwas bedeutet – nicht zuletzt der Amerikaner selber – sobald sie merken, dass der Koloss ins Wanken gerät. Schon jetzt ist das Haupthindernis für die Pläne der US-Regierung gegen den Irak der wachsende Widerstand der Öffentlichkeit.

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