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    60 Jahre Aktivitäten zur Problematik der künstlichen Säuglingsernährung – Eine Chronik

    (ergänzende Informationen zur Chronik unter www.ibfan.org)

    1939: Cicely Williams hält einen Vortrag mit dem Titel „Milch und Mord“

    In einer Rede vor dem Rotary Club in Singapur erklärt Dr. Williams, eine Pionierin auf dem Gebiet der Kindergesundheitspflege, dass Kinder durch falsche Ernährung getötet werden:

    Unangebrachte Propaganda für Babynahrung sollte als kriminellste Form von Agitation bestraft und deren tödliche Folgen als Mord betrachtet werden.

    1968
    Prof. Derrick Jelliffe vom Karibischen Institut für Nahrung und Ernährung in Jamaika prägt den Ausdruck „commerciogenic malnutrition“ (handelsbedingte Fehlernährung), um den Einfluss der industriellen Marketingpraktiken auf die Gesundheit der Säuglinge zu beschreiben.

    1970
    November: Die UNO-Protein-Kalorie-Beratungsgruppe (UN Protein-Calorie Advisory Group – PAG) erhebt Bedenken gegen die Praktiken der Industrie.

    1972
    Der Internationale Zusammenschluss der VerbraucherInnenverbände (IOCU) übergibt der FAO/ WHO-Codex-Alimentarius-Kommission einen Entwurf für einen Kodex für Vermarktungspraktiken der Babynahrungsindustrie.

    1973
    August: Die britische Zeitschrift New Internationalist veröffentlicht als Titelgeschichte „Die Babynahrungstragödie“.

    Aufrufe zu einer Aktionskampagne gegen die unmoralische Werbung für künstliche Babynahrung werden gestartet.

    November: Die UNO-Protein-Kalorie-Beratungsgruppe erklärt, dass Werbung bei Müttern in Krankenhäusern gleich nach der Geburt unverantwortlich ist.

     

    1974
    März: Die britische Aktionsgruppe War on Want veröffentlicht „The Baby Killer“, einen Report über Mangelernährung bei Säuglingen und über die Werbung für künstliche Säuglingsnahrung in der Dritten Welt.

    Mai: Die Berner Aktionsgruppe Dritte Welt (AgDW) publiziert die deutsche Übersetzung in der Schweiz unter dem Titel „Nestlé tötet Babies“.

    Die Weltgesundheitsversammlung verabschiedet eine Entschließung, die eine Überprüfung der Werbung für Babynahrung und einen Ethik-Kodex fordert.

    Juli: Nestlé verklagt die AgDW wegen Verleumdung.

    Das Interfaith Center on Corporate Responsibility (ICCR) beginnt in den USA mit eigenen Untersuchungen über die Praktiken der Babynahrungskonzerne.

    1975
    November: Erste Anhörung im Nestlé-Prozess
    Der International Council of Infant Food Industry (ICIFI), ein internationaler Zusammenschluss der Babynahrungsindustrie, wird gegründet. Cow & Gate, Dumex, Meiji, Morinaga, Nestlé, Snow Brand, Wakado und Wyeth schließen sich dem ICIFI an. Der ICIFI entwickelt einen freiwilligen Ethik-Kodex.

    1976
    Januar: Die UNO-Protein-Kalorie-Beratungsgruppe erklärt, dass die Regelungen des ICIFI-Kodex nicht weitreichend genug seien.

    Februar: Zweite Anhörung im Nestlé-Prozess

    April: US-amerikanische Nonnen verklagen Bristol-Myers. Die Schwestern des „Ordens zum Kostbaren Blut“ gehen vor Gericht, um die Öffentlichkeit auf die Bedrohung der Gesundheit von Säuglingen durch Firmenwerbung für künstliche Babynahrung aufmerksam zu machen.

    Juni: Letzte Anhörung im Nestlé-Prozess. Nestlé zieht drei von vier Anklagepunkten zurück. Im vierten, dem Vorwurf „Nestlé tötet Babies“, wird die AgDW zwar für schuldig befunden, aber zugleich ermahnt der Richter den Konzern, dass er seine Marketingpraktiken ändern müsse.

    1977
    Die Regierung von Papua-Neuguinea verbietet die Werbung für Saugflaschen und lässt Flaschen und Sauger nur noch auf Rezept verkaufen.

    Juli: INFACT (Infant Formula Action Coalition), die US-amerikanische Babymilch-Aktionsgruppe, startet den Nestlé-Boykott in den USA, um gegen Nestlés unmoralische Werbepraktiken zu protestieren.

    1978
    Der Nestlé-Boykott weitet sich auf Kanada, Neuseeland und Australien aus.

    Januar: Bristol-Myers einigt sich außergerichtlich mit den Nonnen. Der Konzern erklärt sich bereit, direkte Werbung für künstliche Babynahrung zu unterlassen und den Einsatz von Firmenschwestern, die die Mütter besuchen, zu beenden.

    Mai: Senator Edward Kennedy hält als Leiter einer Untersuchungskommission im US-Senat Anhörungen über die Folgen unangemessener Werbung für künstliche Babynahrung in den Entwicklungsländern ab.

    Der Nationale Kirchenrat der USA, die Presbyterianische Kirche, die Landarbeitergewerkschaft und die kalifornische Kinderkrankenschwestervereinigung unterstützen den Nestlé-Boykott.

    1979
    Oktober: WHO/UNICEF veranstalten eine internationale Konferenz zum Thema „Säuglings- und Kleinkindernährung“. Es werden die Entwicklung eines internationalen Kodex für die Vermarktung von Babynahrung und andere Aktionen gefordert, um die Säuglings- und Kleinkindernährung zu verbessern.

    Das Internationale Aktionsnetzwerk Säuglingsnahrung (International Baby Food Action Network – IBFAN) wird gegründet.

    In den USA rufen dreißig nationale Organisationen das International Nestlé Boycott Committee (INBC) ins Leben.

    1980
    Januar – Februar: Die Industrie tritt von ihren Zusagen, sich an Werbebeschränkungen zu halten, zurück. In einer Zeugenaussage bei einer Anhörung im US-Senat geben Nestlé und drei US-Firmen zu, dass sie nicht beabsichtigen, sich an die WHO-Interpretation der Empfehlungen der WHO/UNICEF-Konferenz vom Oktober 1979 zu halten.

    IBFAN dokumentiert 682 Verletzungen der WHO/UNICEF-Empfehlungen durch die Industrie.

    Juni: Der Nestlé-Boykott wird in Großbritannien von Baby Milk Action (BMAc), der englischen Babymilch-Aktionsgruppe, gestartet.

    1981
    Der Nestlé-Boykott beginnt in Schweden und in der Bundesrepublik Deutschland.

    Mai: Der Internationale Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatznahrung wird von der Weltgesundheitsversammlung verabschiedet. Nur die USA stimmen gegen dieses wichtige Instrument zur Förderung der öffentlichen Gesundheit.

    Oktober: Das Europäische Parlament spricht sich für eine Direktive aus, die auf dem Internationalen Kodex basiert.

    1982
    Peru ist das erste Land, das den Internationalen Kodex in die nationale Gesetzgebung aufnimmt.
    Die Europäische Kommission beginnt, an einem Entwurf der Direktive zu arbeiten.
    Der Verband der Europäischen Industrie (IDACE) gibt seine eigenen Vorschläge für einen Vermarktungskodex heraus.

    März: Nestlé veröffentlicht eigene Marketingrichtlinien, die angeblich an den Internationalen Kodex angelehnt seien, aber von UNICEF und anderen Organisationen als völlig unzureichend kritisiert werden.

    Mai: Nestlé richtet die Nestlé Infant Formula Audit Commission (NIFAC), auch als Muskie-Kommission bekannt, ein. Der ehemalige US-Staatssekretär Edmund Muskie wird Vorsitzender. NIFAC soll überprüfen, ob Nestlé die eigenen Vermarktungsrichtlinien einhält.

    Oktober: Der Nestlé-Boykott beginnt in Frankreich.

    1983
    Das Europäische Parlament verabschiedet erneut eine scharf formulierte Resolution für den Internationalen Kodex und spricht sich gegen den IDACE-Kodex, der von der Industrie entworfen wurde, aus.

    Mai: Während der Nestlé-Generalversammlung in Lausanne werden 112.000 Unterschriften aus 38 Ländern übergeben, mit denen die Anerkennung des WHO-Kodex verlangt wird.

    August: Großbritannien führt trotz starker Kritik von Gesundheitspersonal und Aktionsgruppen einen freiwilligen, ebenfalls unzureichenden Kodex ein, der auf Vorschlägen der Food Manufacturers Federation (FMF), eines Zusammenschlusses von englischen Nahrungsmittelherstellern, basiert.

    Der Nestlé-Boykott weitet sich auf Norwegen und Finnland aus. Er wird in Nordamerika intensiviert.

    1984
    Januar: Nestlé erklärt sich dazu bereit, den Internationalen Kodex anzuerkennen.

    Februar: Boykottgruppen beschließen, den Boykott für sechs Monate auszusetzen, um dem Nestlé-Konzern Gelegenheit zu geben, seine Versprechungen in die Tat umzusetzen.

    Mai: Die Weltgesundheitsversammlung verabschiedet eine Resolution über Abstillnahrung für Babys.

    Oktober: Der erste Nestlé-Boykott endet nach sechs Monaten akzeptabler Fortschritte von Seiten Nestlés und Bemühungen des obersten Managements, die schwierigen Fragen in Bezug auf die Anwendung des Kodex in Europa und das Verteilen von Gratis-Proben zu lösen.

    1985
    IBFAN startet eine Reihe von regelmäßigen Trainings-Workshops in Afrika, veröffentlicht die erste Ausgabe von „Protecting Infant Health“ (deutsch: Schützt die Gesundheit unserer Kinder), einem Ratgeber zum Internationalen Kodex für Gesundheitspersonal, und beginnt mit der Herausgabe von „Breastfeeding Briefs“ (einer regelmäßig erscheinenden Zusammenfassung von Veröffentlichungen zum Thema Stillen).

    Juni: Die AKP-Staaten (ein Zusammenschluss von Staaten aus Afrika, der Karibik und dem Pazifik) bitten die Europäische Gemeinschaft, den Internationalen Kodex in Europa einzuführen.

    Dezember: Das WHO/UNICEF-Expertlnnen-Komitee fordert die Einstellung der kostenlosen Lieferungen von Babynahrung.

    1986
    April: Das Europäische Parlament beschließt, die meisten Regelungen des Internationalen Kodex in den Entwurf der Direktive zu übernehmen.

    Mai: Die Weltgesundheitsversammlung verabschiedet eine Resolution, mit der kostenlose und subventionierte Babynahrungslieferungen verboten werden.

    Oktober: Die Europäische Kommission gibt die Direktive an den Ministerrat weiter. Obwohl überarbeitet, enthält sie immer noch nur wenige Bestimmungen des Internationalen Kodex.

    1987 – 1988
    IBFAN-Gruppen decken weltweit immer noch viele Verletzungen des Internationalen Kodex und der WHA-Resolution zu Babynahrungslieferungen durch die Industrie auf, in einigen Fällen sogar der nationalen Gesetze und Regelungen.

    Großbritannien kündigt an, dass es kostenlose und kostengünstige Babynahrungslieferungen an Krankenhäuser ab 1. Januar 1988 verbieten will.

    1988
    Juni: Die US-Gruppe ACTION (das frühere INFACT) setzt Nestlé und Wyeth/American Home Products (AHP) eine Frist bis zum Oktober, um die kostenlosen Lieferungen von künstlicher Babynahrung an Krankenhäuser zu beenden, andernfalls droht die Gruppe mit weiteren Aktionen.

    Oktober: ACTION ruft einen Nestlé- und AHP-Boykott in den USA aus. Die AGB (Aktionsgruppe Babynahrung) startet in der Bundesrepublik Deutschland den Nestlé-Boykott und eine öffentliche Kampagne gegen Milupa.

    1989
    März: BMAc nimmt den Nestlé-Boykott in Großbritannien wieder auf; in Irland, Norwegen und Schweden werden ebenfalls Boykotte ausgerufen. Andere Länder treffen Vorbereitungen, sich dem Boykott anzuschließen.

    IBFAN gibt die fünfte Auflage von „Protecting Infant Health“ heraus (mehr als 20.000 Exemplare sind weltweit in acht Sprachen im Umlauf).

    Oktober: IBFAN veröffentlicht „Breaking the Rules 1988 – 89“

    Oktober: IBFAN veranstaltet ein internationales Forum in Manila.

    1990
    Die deutsche Übersetzung des IBFAN-Handbuchs „Schützt die Gesundheit unserer Kinder“ und der WHO/UNICEF-Broschüre „Stillen: Schutz, Förderung und Unterstützung – die besondere Rolle des Gesundheitspersonals“ werden veröffentlicht.

    Mai: 5.000 Unterschriften zur Unterstützung des Nestlé-Boykotts in der Bundesrepublik werden an den Nestlé-Konzern übergeben; Beginn des Nesquik-Boykotts in der Bundesrepublik.

    August: RegierungsvertreterInnen, UNICEF und WHO geben in Florenz die Erklärung „Stillen in den 90er Jahren – eine globale Initiative“ zur weltweiten Umsetzung des WHO-Kodex bis zum Jahr 1995 ab.

    1991
    Februar: Im Schweizer Fernsehen wird der Film „Das Elend der Flaschenbabies“ ausgestrahlt; Ausrufung des Nestlé-Boykotts durch die Aktionsgruppe Nestlé in der Schweiz.

    Die WABA (World Alliance for Breastfeeding Action) wird gegründet, ein Zusammenschluss internationaler Stillorganisationen wie IBFAN, La Leche League, International Lactation Consultant Association, IOCU etc.

    März: In der EG wird die Direktive zu Säuglings- und Folgemilchen, die jedoch einige wichtige Empfehlungen des WHO-Kodex nicht berücksichtigt, verabschiedet.

    April: IBFAN gibt eine Veröffentlichung zur Umsetzung des WHO-Kodex in den einzelnen Ländern (State of the Code by Country) und zu den Praktiken der Hersteller von Säuglingsnahrung und Saugflaschen (State of the Code by Company) heraus.

    Juli: Die Synode der Anglikanischen Kirche in Großbritannien ruft zum Nescafé-Boykott auf.

    Oktober: In Australien wird zum Boykott aufgerufen.

    UNICEF und WHO starten die Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“.

    UNICEF stellt fest, dass die Umkehrung der weltweit niedergehenden Stillrate jährlich 1,5 Millionen Kinderleben retten könnte.

    Nestlé-Boykott-Gruppen sind jetzt in 14 Ländern aktiv. Daneben arbeiten mehr als 150 Gruppen in über 70 Ländern zu den Problemen künstlicher Babynahrung.

    1992
    Die EU-Export-Direktive wird beschlossen. Sie fordert von allen EU-Unternehmen, auf Babybilder auf den Packungen zu verzichten und diese mit einer angemessenen Deklaration zu versehen.

    Mai: Die WHO verabschiedet eine Resolution, die alle Staaten aufruft, den Kodex in die nationale Gesetzgebung zu überführen, wobei der Internationale Kodex die Mindestanforderung darstellt. Gratis- und verbilligte Lieferungen an Gesundheitseinrichtungen seitens der Hersteller sollen endlich eingestellt werden. Mütterfreundliche Arbeitsplätze, die das Stillen ermöglichen, sollen eingerichtet werden.

    Indien erlässt ein Gesetz zu Muttermilchersatzprodukten.

    Nepal übernimmt den gesamten Kodex in nationale Gesetzgebung.

    1993
    Der Nestlé-Boykott greift auf Italien, Luxemburg, Spanien und die Türkei über. Damit sind jetzt 18 Länder am Boykott beteiligt.

    In Indien wird auf Grundlage des Gesetzes zu Muttermilchersatzprodukten Klage gegen Johnson & Johnson eingereicht.

    Nestlé verklagt in den USA Babymilch-Mitanbieter, die einer Werbebeschränkung für Säuglingsnahrung zugestimmt hatten.

    1994
    In Indien wird vom „Netzwerk Stillförderung“ auf Grundlage des Gesetzes zu Muttermilchersatzprodukten Klage gegen Nestlé eingereicht.

    Die UNICEF-Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“ wird in Großbritannien gestartet.

    Mai: Die WHO nimmt eine Resolution an, die das Ende der kostenlosen und verbilligten Lieferungen in allen Bereichen des Gesundheitswesen fordert; Rahmenbedingungen für die Abgabe von Muttermilchersatzprodukten in Katastrophensituationen werden gefasst. Zum ersten Mal unterstützen die USA eine Resolution, die den Internationalen Kodex sowie die vorangehenden Resolutionen bestärkt.

    Nestlé inszeniert eine heftig kritisierte Öffentlichkeitskampagne, welche die Synode der Kirche Englands nötigen soll, ihre Unterstützung für den Nescafé-Boykott zurückzuziehen, bis neue Erkenntnisse vorliegen.

    „Breaking the Rules 1994“, der weltweite IBFAN-Report, belegt, dass Nestlé für ein Drittel der Verstöße allein verantwortlich zeichnet, mehr als jede andere Firma.

    Oktober: In Deutschland wird das Säuglingsnahrungswerbegesetz (SNWG) verabschiedet; wesentliche Aussagen des Kodex sind in ihm jedoch nicht enthalten.

    1995
    In den USA verliert Nestlé den Prozess gegen Mitanbieter, die einer Werbebeschränkung für Säuglingsnahrung zugestimmt hatten.

    IBFAN veranstaltet nationale und internationale Seminare über Säuglingsernährung in Katastrophensituationen.

    Fünf Länder übernehmen die EG-Direktive zu Säuglings- und Folgemilchen von 1991, die jedoch einige wichtige Empfehlungen des WHO-Kodex nicht berücksichtigt, in nationale Gesetzgebung.

    Die Vorschriften zu Säuglings- und Folgemilchen werden in Großbritannien Gesetz; es erlaubt jedoch – nach einer heftigen Lobby-Kampagne der Industrie – deren Bewerbung im Gesundheitssystem.

    1996
    Die Veröffentlichung „State of the Code 1996“ des IBFAN International Code Documentation Centre (Malaysia) berichtet, dass 16 Staaten den Großteil des Internationalen Kodex in nationale Gesetzgebung umgesetzt haben.

    In Indien legen Johnson & Johnson den gegen sie angestrengten Prozess außergerichtlich bei.

    Nestlé versucht, gegen die indische Regierung eine gerichtliche Verfügung zu erwirken, die die Bestimmungen des Gesetzes zu Muttermilchersatzprodukten, derentwegen die Firma angeklagt ist, anficht.

    „Save the Children“ geht mit ihrem Versuch an die Öffentlichkeit, Nestlé davon abzubringen, über Gratislieferungen an Krankenhäuser in Kunming, China, künstliche Säuglingsnahrung zu bewerben.

    Mai: Die WHO verabschiedet eine Resolution, die betont, dass eine transparente, unabhängige und von kommerziellem Einfluss freie Überwachung der Einhaltung des Kodex gewährleistet werden muss; Ergänzungsnahrung darf nicht in einer Art vermarktet werden, die ausschließliches und anhaltendes Stillen unterminiert. Es ist sicherzustellen, dass finanzielle Unterstützung keine Interessenskonflikte für das Gesundheitspersonal zur Folge hat, insbesondere im Bereich der „Babyfreundlichen Krankenhaus-Initiative“ und der Stillförderung.

    Mai: Die EU veröffentlicht das Grünbuch „Kommerzielle Kommunikation im Binnenmarkt“ mit einiger Bedeutung für nationale Werbebeschränkungen für Säuglingsnahrung.

    1997
    Januar: Die Interagency Group on Breastfeeding Monitoring (IGBM) veröffentlicht „Cracking the Code“. Diese von IBFAN unabhängige Studie im Auftrag der Anglikanischen Kirche berichtet über „systematische Verstöße“ der Säuglingsnahrungshersteller in Bangladesh, Polen, Südafrika und Thailand; „Cracking the Code“ bestätigt die Aussagen jeglicher vorausgehender IBFAN-Veröffentlichungen.

    Februar: Die Richtlinien der Amerikanischen Akademie für Kinderheilkunde (AAP) untersagen direkte Werbung für Muttermilchersatzprodukte bei Müttern. Nestlé hält sich nicht an diese Richtlinien, wogegen die AAP nachhaltig protestiert. Daraufhin verklagt Nestlé die AAP wegen Behinderung des Wettbewerbs auf $ 377 Millionen Schadensersatz. Nestlé verliert auch diesen Prozess.

    Der Indische Verband für Kinderheilkunde nimmt eine Entschließung an, wonach jegliches Sponsorentum von Firmen abgelehnt wird, die Produkte vermarkten, die unter den Internationalen Kodex fallen.

    Juni: Erst nach massiven Protesten seitens der malawischen Regierung über einen Zeitraum von drei Jahren erklärt Nestlé sich bereit, ihre Produkte auch in der Landessprache Chichewa zu etikettieren.

    Juli: Die philippinische Fernsehstation RPN, Kanal 9, sendet anlässlich der Weltstillwoche einen Bericht über Nestlés unethische Vermarktungsstrategien. Am darauffolgenden Tag erhält das Management des Senders ein Memorandum von Nestlé, in dem angedroht wird, dem Sender sämtliche Nestlé-Werbespots zu entziehen. Das Management stimmt Nestlé versöhnlich, indem der verantwortliche Redakteur abgemahnt wird.

    Juli: Mindestens seit 1991 nötigt Nestlé das Gesundheitsministerium von Gabun, Spots für Cerelac im nationalen Fernsehen zu platzieren. Wiederholt hatte das Ministerium dieses abgelehnt und Nestlé aufgefordert, die Werbung in privaten und öffentlichen Krankenhäusern (Filmvorführungen, Probenabgaben, Geschenke) gegenüber Müttern und Gesundheitspersonal einzustellen. In ihrer Antwort an das Ministerium teilt Nestlé mit, dass sie eine international respektierte Firma mit höchsten Standards in Moral und Ethik sei und nicht beabsichtige, sich den Vorgaben des Ministeriums zu beugen, da Cerelac nicht unter den Internationalen Kodex falle.

    August/September: In den USA versucht Nestlé ein dem „Überraschungsei“ ähnliches Produkt in den Markt zu drücken und kollidiert dabei mit der Food and Drug Administration, weil ein Gesetz von 1938 vorgibt, dass Süßwaren keine nicht essbaren Gegenstände enthalten dürfen. Anstatt den ‚faux pas‘ einzugestehen, verlangt Nestlé vom House of Representatives, das Gesetz zu ihren Gunsten zu ändern. Dazu die Abgeordnete Rosa DeLauro: „Nestlé demonstrierte geschlossene Arroganz und die Verneinung gemeinsamer Verantwortung… Sie versuchte jedes einzelne Komitee-Mitglied unter Druck zu setzen.“

    November: Die Leitende UNICEF-Direktorin Carol Bellamy nimmt ein Spitzengespräch zwischen ihr und Nestlé-Chef Brabeck-Letmathe zum Anlass hervorzuheben, dass die herausragenden und wesentlichen Unterschiede in unseren Standpunkten zu Inhalt und Anwendung des Internationalen Kodex eine Hürde für jegliche Art von Zusammenarbeit darstellen. (…) Daher bestätigte unser Treffen bedauerlicherweise erneut den vergangenen und weiter anhaltenden Gegensatz zwischen den vornehmsten Interessen der Kinder, für die UNICEF steht, und jenen der Säuglingsnahrungsindustrie“. Dem vorausgegangen war der Versuch der Firma Nestlé, sich über Sponsoring bei UNICEF International einzukaufen.

    November: In Pakistan versucht Nestlé, über das Gesundheitsministerium auf die Formulierung des Gesetzes zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten Einfluss zu nehmen. Nestlés Protestnote hebt darauf ab, dass der Gesetzentwurf nicht praktikabel sei und deshalb mit keinerlei Unterstützung von Seiten der Industrie gerechnet werden könne. Nestlé argumentiert gegen die Werbeeinschränkungen im Gesetz und beklagt sich darüber, dass die Überwachungsbehörden industrieunabhängig organisiert werden sollen. Darüber hinaus greift Nestlé weitere Vorschriften in Bezug auf die Etikettierung an, obwohl diese die Vorgaben des Internationalen Kodex aufgreifen.

    Dezember: Nestlé beschwert sich bei der Regierung Sri Lankas über den dortigen Gesetzesentwurf zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten: Die Reichweite des Gesetzes sei zu weit gefasst, indem die Etikettierung in drei Sprachen gefordert werde (Nestlés Heimatland ist dreisprachig!), das Gesundheitspersonal nicht mehr beworben werden dürfe und die Industrie nicht in das offizielle Überwachungssystem eingebunden werde.

    1998
    Nestlé droht der ugandischen Regierung, ihre Investitionen in Kaffee und andere Güter im Lande zurückzuziehen, falls diese nicht ihre Gesetzesvorschläge zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten abschwächt.

    Februar: In Swaziland verfolgt Nestlé die gleiche Strategie der Einflussnahme auf die dortige Regierung. Es gelingt jedoch den VertreterInnen von IBFAN Afrika, die Regierung in ihrem Anliegen zu stützen – Nestlés Versuche scheinen in diesem Land bislang gescheitert zu sein.

    März: Auch in Zimbabwe droht Nestlé mit Investitionseinschränkungen, um Einfluss auf die dortige Gesetzgebung zu nehmen.

    März: IBFAN veröffentlicht in Penang den Monitoring Report 1998 „Breaking the Rules/Stretching the Rules“. Fazit: Die Industrie missbraucht weiterhin das Gesundheitssystem für ihre rein kommerziellen Interessen; Nestlé führt die Liste der Kodexverletzer mit großem Abstand an.

    Mai: IBFAN Deutschland veröffentlicht den deutschen und WEMOS (NL) den europäischen Report; beide Veröffentlichungen zeigen auf, daß sich in Europa Nestlé und Milupa ein sportliches Kopf-an-Kopf-Rennen im Brechen des Internationalen Kodex liefern.

    Mai: Die Mitgliedsstaaten der WHO wählen für den scheidenden Generaldirektor Nakajima die Norwegerin Dr. Gro Harlem Brundtland zur neuen Generaldirektorin. Sie will ihre Erfahrung nutzen, um die für ihre Ineffektivität berüchtigte WHO auf „Vorderfrau“ zu bringen, und sie will „wirklich politische Debatten“ mit allen Beteiligten führen.

    Mai: Jedoch kein guter Start der neuen Ägide: Erstmalig in der Geschichte des Kodex verabschiedet die WHO in diesem Jahr keine Resolution zur Säuglingsnahrung. Dem vorausgegangen ist eine harte Lobbyarbeit der Industrie, die sich u. a. in dem Artikel der Neuen Züricher Zeitung (15.1.98) „Aufgewärmte Kontroverse um die Säuglingsnahrung – Kodex der Weltgesundheitsorganisation mit Definitionsschwächen“ niederschlägt.

    August: Nestlé bringt den genmanipulierten Schokoriegel Butterfinger auf den Markt.

    Die aktuelle Veröffentlichung „State of the Code“ des IBFAN International Code Documentation Centre (Malaysia) berichtet, dass bislang 20 Staaten den Großteil des Internationalen Kodex und der nachfolgenden Resolutionen in nationale Gesetze übernommen haben. 27 Länder verfügen über Gesetze mit vielen Anteilen des Kodex.

    7. Oktober: IBFAN wird der RIGHT LIVELIHOOD AWARD 1998, der alternative Nobelpreis, zuerkannt –

    für seine hingebungsvolle und effektive Kampagne über nahezu 20 Jahre für die Rechte der Mütter sich für das Stillen zu entscheiden, in der vollen Erkenntnis der Gesundheitsvorteile von Muttermilch, frei von kommerziellem Druck und den Fehlinformationen, mit denen Ersatzprodukte beworben werden !

    November: IBFAN veröffentlicht die Broschüre „In Übereinstimmung mit dem Kodex? – Ein Leitfaden für Hersteller und Vertreiber“

    1999
    Februar: Der Britische Werberat (ASA) stellt fest, dass die von Nestlé 1996 in einer Anzeige gemachten Aussagen allesamt unwahr sind und untersagt deren Wiederholung. Die betreffenden Behauptungen sind:

    1. Schon vor Inkrafttreten des Internationalen Kodex und danach habe Nestlé sein Milchpulver unter ethisch und verantwortlichen Gesichtspunkten vermarktet.
    2. Die Nestlé-Charter belege Nestlés Verpflichtung gegenüber dem Internationalen Kodex.
    3. Nestlé-Mitarbeiter belieferten Kliniken nicht mit Gratisproben.

     

        März: Der Parteitag der Britischen Freidemokraten, drittgrößte Fraktion im Britischen Parlament, hat mit überwältigender Mehrheit beschlossen, keine Parteigelder für Nestlé-Produkte auszugeben und alle Liberaldemokraten aufgefordert, den Kauf von Nestlé-Erzeugnissen zu vermeiden.

        Juni: Erstmals werden dank verbesserter Untersuchungstechnik genmanipulierte Bestandteile in einem Babygetreidebrei nachgewiesen.

        Juli: Um heftigen Reaktionen der Verbraucher vorzubeugen, wird der Gentech-Riegel Butterfinger von Nestlé vom Markt genommen. Als offizielle Begründung werden schlechte Verkaufszahlen angeführt. Trotzdem wird der Konzern weiterhin in gentechnisch veränderte Nahrungsmittel investieren, so der Delegierte des Verwaltungsrates.

        Juli: Nestlé verteilt breit gestreut bei der WHO und unter Meinungsführern im Ernährungs- und Gesundheitsbereich ein Buch mit dem Titel „Nestlés Vollzug des WHO Kodex. Internationaler Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten. Offizielle Antwort von Regierungen. Bericht an die Generaldirektorin Weltgesundheitsorganisation“. Hierin „bestätigen“ 57 staatliche oder halbstaatliche Einrichtungen nach Ansicht von Nestlé, dass der Konzern sich in diesen Ländern an den Internationalen Kodex halte. An der „offiziellen Antwort“ der deutschen Regierung lässt sich exemplarisch verdeutlichen, wie die PR-Strategie in diesem Report aufgebaut ist.

          • Es gibt seitens Nestlé keine offizielle Anfrage an die Bundesregierung und somit auch keine „offizielle Antwort“.

          • Nestlé benutzt einen Bericht der Bundesregierung an den Bundesrat über die Erfahrungen im Zusammenhang mit dem deutschen Säuglingsnahrungswerbegesetz (SNWG) – und nicht mit dem Kodex. Dieser Bericht kann also in keiner Weise belegen, dass Nestlé den Kodex in Deutschland einhält.

        Carol Bellamy, Leitende UNICEF-Direktorin, wertet in einem Schreiben vom 30. Dezember 1999 an Nestlé-Chef Brabeck die Nutzung offizieller Regierungspapiere wie folgt: „Die ‚Mitteilung‘ des Bundesgesundheitsministeriums, Deutsche Bundesregierung, datiert vom Februar 1997 und liegt einem Bericht über ‚Regierungserfahrungen mit dem Deutschen Säuglingsnahrungswerbegesetz‘ bei. Dieser Bericht hat keinen Bezug zu Nestlé oder ihren Vermarktungspraktiken und dürfte deshalb gar nicht als ein Nachweis über Kodexkonformität präsentiert werden.“

        August: In Bulgarien wird der Nestlé-Boykott in Kraft gesetzt; Boykott-Gruppen sind jetzt in 19 Ländern aktiv.

        September: Ein bisheriger Mitarbeiter des Bundesgesundheitsministeriums wechselt zum Diätverband, wo Hans-Jürgen Klett (Nestlé-Alete) sein neuer Vorgesetzter wird. Es mangelt in Deutschland an einer rechtlichen Grundlage, um zu verhindern, dass ein Ministeriumsmitarbeiter für eine Firma bzw. einen Verband arbeitet, die/den er zuvor kontrolliert hat.

        Oktober: IBFAN wird 20. Aus diesem Anlass treffen sich die europäischen IBFAN-Gruppen zu einer Arbeitskonferenz in Göteborg. Unter anderem wird dort der IBFAN-Europa-Aktionsplan für die kommenden zwei Jahre verabschiedet. Das Netzwerk hat sich von sechs auf über 150 Initiativen in mehr als 90 Ländern entwickelt.

        Dezember: Erstmals werden Nestlé-interne Informationen aus erster Hand der Öffentlichkeit zugänglich. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Nestlé MilkPak Pakistan belegt mit mehr als 80 Dokumenten das hausinterne, hierarchisch abgestufte System der Bestechung von Mitgliedern des pakistanischen Gesundheitswesens zum Zweck der Absatzförderung. Der Bericht Milking Profits wird im Rahmen einer Pressekonferenz am 9. Dezember in Berlin vorgestellt. Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) setzt kurzfristig einen für die Ausstrahlung am 8. Dezember auf der Grundlage von Milking Profits fertiggestellten Beitrag mit dem Titel „Babynahrung – Geschäft mit Todesfolge“ ab, nachdem am Vormittag dieses Tages der Nestlé-Pressesprecher Perroud direkt in der ZDF-Zentrale vorstellig geworden war.

        Und es geht immer weiter…

        Quellen:

        http://www.babynahrung.org/Nestl%E9%20history/Nestl%E9%20historie.htm

        Warum weiterhin Nestlé boykottieren?

        Nestlé und der Internationale Kodex

        Die Nestlé-Produktliste

        Die Boykott-Unterstützung

        Ein historischer Abriss

        Nestlés Machenschaften in Pakistan

         

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