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Tabu

ist immer

nur das, was

einem über die

Lippen kommt. Warum

also Gedanken aufschreiben,

wenn keine Sau Gedanken lesen kann?

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ta|bu [ta'bu:]: in der Verbindung tabu sein: so beschaffen sein, dass bestimmte mit der Sache zusammenhängende Dinge nicht ›getan‹ werden dürfen, dass nicht darüber ›geredetwerden darf, sie einem Verbot unterliegen: dieses Thema ‘war bei uns tabu’.

Bedeutungswörterbuch 3.Auflage-Mannheim 2005´[CD-Version]

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Aufstand der Anständigen… was ist das überhaupt ?

Also, ich darf doch bitten mit etwas mehr Elan an diese Frage heran zu gehen. Was ist der Aufstand der Anständigen? Sind Sie vielleicht ein mit Abstand zum Aufstand durchdemokratisierter Anständiger? Was ist der Aufstand der Anständigen? Eine Phrase! Das ist noch einfach, weil einfach einfach einfach ist. Die Deutschen sind nicht mal halb so dumm, wie sie von Seiten der Polit-Vasallen den Kommentatoren aus Rund- und Eckfunk, Fern- und Nahsehen immer gehalten werden.

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„Links und rechts“, ist das nicht schon längst überholt, passee? …Ewigvorgestrig? Chronisch hört man die Leute fragen, ob es einen Gegensatz zu „links“ und „rechts“ überhaupt gäbe. Ob diese Begriffe überhaupt noch brauchbar seien. In nahezu jeder Sprechschau (neudeutsch =Talkshow) kommt diese Behauptung vor, größtenteils gar nicht mehr als Frage – sei es mit oder ohne Rhetorik – sondern als unverlangte Antwort. Es gibt da einen obligatorischen Standardsatz für jeden wohlfeilen Sprechgast, es gäbe keinen Gegensatz zwischen links und rechts mehr, sondern nur noch … Die Pflicht.

Dann kommt eine Kür daher, bei der jeder einzelne der Sprechgäste seine markante Einzelpersönlichkeit zur Schau stellen möchte, er nimmt an, daß er gerade wegen dieser unverwechselbar gescheiten, scharf- wie stumpfsinnigen Persönlichkeit eingeladen wurde, und weil die meisten von Natur aus nicht so schlagfertig sind wie Arnulf Baring oder Henrik M. Broder, hat sich der normalisierte Sprechgast sehr „gründlich“ auf die Sache vorbereitet, d.h. durch mindestens zwei Stunden staatstragende Lektüre lesen: ZEIT und „Süddeutsche Zeitung“, wenn möglich im Internet, geht schneller. Nun kann er die Behauptung, es gäbe gar nicht mehr Linke und Rechte, noch individuell etwas ausgestalten.

Er sagt also, es gibt nur Gewinner und Verlierer, Dumme und Kluge, Machtpolitiker oder Leute ohne Machtinstinkt. Die Naseweisen haben dann meistens noch ein Sprüchlein parat, das sie neulich/damals/künftig irgendwo, – meist auch in einer Sprechshow! – gehört haben, und fügen hinzu, daß sie von dieser „Gesäßordnung“, von dieser „Gesäßgeographie“ nichts halten. Gar nichts halten. Ganz gebildete, die durch drei bis vier Bücher aus dem Eichbornverlag und unregelmäßig FAZ-Lektüre schmökern noch mehr wissen, rufen betont und mit beifall in den Raum: „Rinks und Lechts“! Wie schon mal ein bedachter Mann über diesen Gegensatz sein Gespöttet unter das Volk die Bevölkerung gebracht hatte.

Wer war das? Damit wären wir schon bei der nächsten €urOPIUM-Frage. Karl Kraus? Tucholsky? Willy verBrandt? Willy klopfte immer schon gerne mal an, anders ausgedrückt: Wenn er in Warschau – auf Augenhöhe eines deutschen Schäferhundes – ein wenig auf den Platten herumrutscht, hat auch Gründe dafür, besonders der eigenen Vergagenheit wegen. Kurz vor dem deutschen Herbst 1989 erklärte er am 11. September 1988 in Berlin: Es »wurde die Wiedervereinigung zu jener spezifischen Lebenslüge der zweiten deutschen Republik«, was er in seinen Erinnerungen[1], kurz vor der Wende noch einmal so ausdrückte:

»Es war eine Lebenslügnerische Vorstellung, 1945 sei nur die Gewaltherrschaft und nicht auch der Staat zugrunde gegangen […] Durch den Kalten Krieg und dessen Nachwirkungen gefördert, gerann die ›Wiedervereinigung‹ zur spezifischen Lebenslüge der zweiten deutschen Republik« wenn einem die Vergangenheit im Nacken sitzt. Wir warten ja alle mal jung, wer spielt nicht schon mal gerne mit dem Feuer. Willy hatte sich schon als Kind die Pfoten verBrandt. Und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Willy Brandt ist einer der Decknamen, unter denen der als Herbert Ernst Karl Frahm am 18. Dezember 1913 in Lübeck geborene Extrem-Sozialist nach 1933 im Ausland tätig war.

Übrigens, wer das hier liest hat keinen Anspruch auf (Dach-)Schadenersatz, denn wer den Schaden hat, brauch für den Spot nicht zu sorgen. Was aber heißt Gesäßgeografie? Zwar weiß jeder, wo das „links“ und „rechts“ herkommt, hoffe ich doch mal. Na, weil Anno 1792 der französischen Nazionalkonvent entschied, die Girondisten aus der Sicht der Rednertribüne rechts und die radikalen Jakobiner links zu postieren. Wäre die Sitzordnung aus der Sicht der Deputierten entschieden worden, würde heute der Bundeskanzler Merkel (Im Grundgesetz ist noch nicht gegendert worden, also bleibts beim Kanzler) mit besorgter Miene vor der Gefahr von links warnen und zum Aufstand der Anständigen rufen!

Nun zur Gesäß-Ordnung. Irgendein deutscher Politiker oder Schriftsteller nannte eines Tages die Einteilung in links und rechts verächtlich eine Gesäß-Geografie. Wer hat das zum ersten Mal gesagt? Bitte melden! Willy verBrandt war es nicht. Zusatzfrage: War Brandt links? Nach dem Vorbild des französischen Nazionalkonvents sitzen die Parteien in Deutschland und in allen €uropäischen Staaten beispielsweise: Links die Sozis, rechts die Konservativen, in der Mitte die Liberalen. So saßen sie im Reichstag bei GeBismarck und beim Kaiser. Und in der Weimarer Republik, als es noch Rechtsaußen und Linksaußen-Parteien gab, da saßen die Kommunisten ganz links und die Nationalsozialisten ganz rechts.

So sitzen sie auch heute noch im €urOPIUM-Parlament, so in den meisten Ländern der Erde, auch dort, wo es Parteien nur zum Schein gibt. Also auch im Bundestag. Links sitzen die Linken, und rechts? Sitzt die FDP und die CSU und die CDU, aber auch die Rechten wollen um Himmels Willen nicht rechts sitzen. Ganz rechts von der CDU sollte der Abgeordnete Martin Hohmann sitzen, gewählt mit absoluter Mehrheit für die CDU und ausgeschlossen aus der Fraktion wegen angeblichem Antisemitismus, aber auch er weigerte sich standhaft rechts von der CDU Platz zu nehmen, so sitzt er nun neben der CDU auf seinem Pranger-Stuhl – ohne Pult und Elektronik.

Rechte Parteien gibt es nicht im Bundestag. Ihre Funktion wird besonders in Bayern von der CSU wahrgenommen, die schärfer als das Bundesverfassungsgericht darüber wacht, daß rechts von ihnen nichts über die 5 % Hürde gelangen kann. Die CSU ist bayrisch, patriotisch, christlich-wertkonservativ und im übrigen – modern. Rechts mag sie nicht genannt werden, obwohl sie vom Standpunkt der taz, der PDS, aber auch der „Süddeutschen Zeitung“ knallrechts ist. Aber das ist nur als Schimpfwort gemeint, nicht als ernsthafte politische Definition der Partei. Rechte gibt es, rund 60 Jahre nach Ende des NS-Regimes, in Deutschland nicht mehr.

Gott sei Dank, werden Sie gleich sagen. Doch der liebe Gott war es nicht, der diesen Zustand schuf, nicht einmal das deutsche Volk selber. Zunächst war es die Besatzungsmacht. Nach aufwendigen und angestrengten Kampagnen nach Kriegsende, alliierter Volkserziehung -auch bekannt unter dem Begriff “Re-Education” – Kollektivschuld, Entnazifizierung und Vergangenheitsbewältigung kam die Selbst-Erziehung der Deutschen durch Selbstzensur. In Besatzungs-Lizenz. Lizenz-Rundfunk und Lizenz-Presse, das Fernsehen brauchte schon keine Lizenz mehr, da war schon alles entschieden. Die Heranbildung von demokratischem Nachwuchs hatte funktioniert.

Wer jetzt etwas zu sagen hatte, war links. Oder nannte sich „Mitte“, wie die CDU/CSU, die auch tatsächlich Wurzeln in der Mitte des Spektrums gehabt hatte, im „Zentrum“, der katholischen Zentrumspartei, die den zähesten Widerstand gegen Hitler geleistet hatte. Demokratisch verfasste Rechtsparteien, von denen es in Weimar mehrere gegeben hatte, wurden nicht wieder gegründet oder wurden nach einiger Zeit bedeutungslos – wie die „Deutsche Partei“. Da die Nationalsozialisten trotz ihres Anspruchs, auch Sozialisten zu sein, als besonders stramme Rechte gegolten hatten und im Reichstag, den sie Quasselbude oder Schwatzbude nannten, ganz rechts außen gesessen hatten, wollte nun niemand mehr rechts genannt werden und auch nicht gerne rechts sitzen.

Ab 1968 kam nach der Umerziehung durch die Besatzung die Erziehung der Väter durch ihre Söhne und Töchter, nach der das Wort „rechts“ endgültig einen geradezu kriminellen Anstrich erhielt, und noch eine Generation später, 1999, nach einem Anschlag arabischer Jugendlicher auf die Synagoge in Düsseldorf, kam der von Schröder ausgerufene „Aufstand der Anständigen“ gegen Rechts ins Rollen, ein Zwergenaufstand gegen ein Phantom, aber mit Unterstützung aller Medien und vieler Rockstars, die noch einmal einen großen Auftritt hatten, mangels ernsthafter Rechtsextremisten erprobt gegen Martin Walser und Jürgen Möllemann.

Die rechte Gefahr: Ein Phantomschmerz: Die NPD kommt gerade mal in einem Land über die 5% Grenze, spielt anderswo keine Rolle, mitgliederstarke Rechtsparteien, wie in Frankreich, Italien, Polen, Rußland, Holland und Belgien gibt es bei uns nicht.

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Antisemitismus… was ist das überhaupt?

Die Deutschen sind antisemitisch, latent oder offen. Ein bewusst unpräzise gehaltener Vorwurf gegen die Mehrheit der deutschen Bundesbürger. Neuerdings auch sogar vom israelischen Botschafter vorgetragen. Warum unpräzise? Weil man auch sagen könnte, sie sind antijüdisch, judenfeindlich. Aber da käme wie immer, wenn man einer Sache sprachlich auf den Grund geht, der Unfug sofort heraus. Denn der Satz: Die Mehrheit der Deutschen hasst alle Juden oder ist judenfeindlich, wäre erkennbar und nachprüfbar absurd. Seltsamerweise – oder sollen wir sagen, deshalb? – benutzt man stets das missverständliche Wort „antisemitisch“.

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Antisemitisch, das hieße ja etwas gegen Semiten zu haben, also gegen Juden und Araber. Der 1878 von dem österreichischen Schriftsteller W. Marr geprägte Begriff war schon damals irreführend und also falsch: Denn zur Sprach-Gemeinschaft der Semiten gehört die Mehrheit aller Araber ebenso wie die Juden. Dass diese Sprachgemeinschaft auch eine Abstammungsgemeinschaft (Rasse) sein könnte, wurde Ende des 19. Jahrhunderts in England und Frankreich behauptet, unter anderem von J.H. Gobineau, H. S. Chamberlain, Paul de Lagarde. „Antisemitismus“ wurde nun zu einem eindeutig antijüdischen Bekenntnis, besonders in Rußland, Deutschland und Österreich-Ungarn und dort als Parole gegen die jüdischen Minderheiten popülär ausgeschmückt.

Prominente Wissenschaftler in Deutschland wie Heinrich von Treitschke gehörten ebenso zu den Anhängern des Antisemitismus wie die Christlichsoziale Partei Deutschlands, ab 1878. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg nahm der Antisemitismus unter den durch den Krieg verarmten Schichten der Bauern und des kleinen Bürgertums als Kampfbegriff gegen jüdische Bankiers („jüdische Zinsknechtschaft“) sehr bald auch antikapitalistische Züge an. Hitler mit seiner National Sozialistischen Deutschen Arbeiter Partei (NSDAP) griff schon 1919 den A. als Agitationsgegenstand auf und richtete den Stoß – wegen der angeblichen „Judenherrschaft“ im Politbüro der KPDSU – auch gegen die Sowjetunion als Vormacht des Kommunismus.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Antisemitismus zu einer ideologischen Konstante des Programms, allerdings vermied man meistens die Bezeichnung Antisemitismus. Doch wurde Hitlers Politik der Ausgrenzung der Juden als Staatsbürger (Nürnberger Gesetze) und schließlich der Versuch, die jüdischstämmigen deutschen Staatsbürger zur Auswanderung zu drängen, als Antisemitismus verstanden, sowohl von den Hitlergegnern im In-und Ausland, selten aber von den Nationalsozialisten selbst (in der Wochenzeitung „Der Stürmer“) so genannt.

Die Nationalsozialisten sprachen ab 1938 von der (ungelösten) Judenfrage, ähnlich wie von der „Sudetenfrage“, der Frage des polnischen „Korridors“ (nach Ostpreußen) oder der „Danzig-Frage“. Auch noch im Krieg versuchte man die jüdischen Deutschen zur Auswanderung zu drängen, und erst im Juli 1941 wurde die Dienststelle für jüdische Auswanderer nach Palästina in der Meineckestraße 7 in Berlin geschlossen, und es begannen die Deportationen in Arbeitslager (Konzentrationslager), in die auch alle Juden aus den von Deutschland besetzten Gebieten verschickt wurden, was nicht immer gelang, weil einige der Länder Widerstand dagegen leisteten, wie z.B. Dänemark.

Nach dem Krieg wurde dem Rassismus und Antisemitismus der NS-Zeit eine immer stärkere Beachtung geschenkt, und heute steht der Mord an der jüdischen Bevölkerung als Holocaust fast identisch für die nationalsozialistischen Verbrechen. Er verdrängt weitgehend die Erinnerung an andere Kriegsverbrechen wie Geiselerschießungen unter der Zivilbevölkerung eines besetzten Landes, etwa in Griechenland und auf dem Balkan, wie Niederbrennung ganzer Dörfer und Ermordung ihrer Einwohner im Partisanenkampf. Dieser Umstand wird von den betroffenen Opferverbänden ebenso registriert wie die auffällig unterschiedliche Bewertung der Wiedergutmachungs-Ansprüche an die Deutsche Bundesrepublik.

So erhalten die überlebenden Opfer des Massakers in den griechischen Dörfern Kalabrita und Distimo nicht die gleichen Wiedergutmachungs-Zahlungen wie jüdische Opfer von Massentötungen. Offenbar besteht ein Unterschied in deutschen Kriegsverbrechen, die sich unter dem Begriff Antisemitismus unterordnen lassen, und anderen. Heute hat der Begriff Antisemitismus eine ganz neue Bedeutung erlangt. Neben einer emotionalen Ermüdung über die als zu häufig und zu einseitig empfundenen Gedenkveranstaltungen und neue aufwendige Erinnerungsstätten wie dem Holocaust-Denkmal in Berlin gibt es in Deutschland ein starkes, etwa von Martin Walser ausgesprochenes Unbehagen über die Instrumentalisierung des Holocaust beim Vorbringen immer neuer Geldforderungen jüdischer Organisationen.

Walsers diesbezügliche Rede in der Frankfurter Paulskirche wurde mit so genannten „standing ovations“ des gesamten prominente Publikums der Paulskirche geehrt, und nur der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignaz Bubis, erklärte die Rede nachträglich für antisemitisch. Seit dieser Zeit gibt es einen immer wieder aufflammenden „Antisemitismus-Streit“ in der Presse und vor den Fernsehkameras, an dessen Ende jedes Mal die Bemühung aller Kontrahenten steht, um Himmels Willen keine Antisemiten genannt zu werden. Die Meßlatte dafür ist seitdem immer weiter erhöht worden, so daß der Vorwurf an jemand, heimlich oder auch nur im stillen Kämmerchen Antisemit zu sein, bereits dem Verdacht gefährlich nahe kommt, ein Rechtsextremist oder sogar einer der mit Gefängnisstrafe bedrohtem Holocaust-Leugner zu sein.

Bei näherem Hinsehen stellt sich die Behauptung des angeblichen Antisemitismus der Deutschen in der Praxis als der Vorwurf heraus, die Deutschen seien, trotz pausenloser Bemühungen der Schulen, Universitäten und aller Medien, immer noch nicht genügend philosemitisch. Ist Antisemitismus am Ende nichts weiter als verweigerter Philosemitismus? Doch die Schraube, mit der die jüdischen Organisationen in Deutschland und im Ausland den Druck auf die deutsche Öffentlichkeit jahrelang erhöht haben, ist seit einiger Zeit im Begriff, überdreht zu werden.

Genau seit der Zeit nämlich, seit im von Israel besetzten Palästina die so genannte zweite Intifada begonnen hat, also passiver und aktiver Widerstand gegen die israelischen Besatzungstruppen eskaliert, und die israelische Seite sich dazu gezwungen sah, auf den Terror der Selbstmord-Kommandos ihrerseits mit Terror zu antworten, mit Militäraktionen, bei denen auch Frauen und Kinder getötet oder schwer verletzt werden. Kritik an den blutigen Aktionen wird in Deutschland sofort unter Antisemitismus-Verdacht gestellt.

Der Fall des bei einem Fallschirmabsprung tödlich verunglückten Ex-Ministers und Vorsitzenden der NRW-FDP Jürgen Möllemann, möglicherweise ein Selbstmord, nachdem durch Geheimdienst-Informationen Tatsachen über seine Beziehungen zu arabischen Geschäftsleuten und Transaktionen auf seinem Privatkonto bekannt wurden, Informationen, die möglichweise den stellvertretenden FDP-Vorsitzenden in den Tod trieben, begann jedenfalls mit dem massiven und lautstark erhobenen Vorwurf, Möllemann sei Antisemit.

Wie dürftig dieser Vorwurf begründet wurde, wird deutlich, wenn wir uns noch einmal den Inhalt des umstrittenen Wahlflugblatts vor Augen halten. Außer der Bitte, bei der nächsten Bundestagswahl FPD zu wählen, gibt es darin nur zwei Sätze, die für diesen Vorwurf herangezogen wurden:

1) Zu einem Bild des israelischen Ministerpräsidenten Sharon: „Israels Ministerpräsident Ariel Sharon lehnt einen eigenen Palästinenser-Staat ab. Seine Regierung schickt Panzer in Flüchtlingslager und mißachtet Entscheidungen des UNO-Sicherheitsrates.“

2) Zu einem Bild von Michel Friedman: „Michel Friedman verteidigt das Vorgehen der Sharon-Regierung. Er versucht, Sharon-Kritiker Jürgen W. Möllemann als „antiisraelisch“ und „antisemitisch“ abzustempeln.“


Das Flugblatt schließt damit dem Satz: „Von diesen Attacken unbeeindruckt, wird sich Jürgen W. Möllemann auch weiterhin engagiert für eine Friedenslösung einsetzen, die beiden Seiten gerecht wird. Denn nur so kann die Gefahr eines Krieges im Nahen Osten gebannt werden, in den auch unser Land schnell hinein gezogen werden könnte.“ Bleibt nachzutragen, daß die FPD bei der dann folgenden Wahl ein Ergebnis erzielte, das weit über ihrem Bundesdurchschnitt lag. Ohne Übertreibung könnte man sagen, daß alle Spitzenpolitiker der FDP Nordrhein-Westfalens auch auf Grund dieses in Million Auflagen gedruckten und durch Postwurfsendung verteilten Flugblatts gewählt wurden und heute noch im Amt sind.

Im Fall Möllemann zeigte sich eine ganz neue Ausweitung des Begriffs Antisemitismus. Antisemitismus nennt man seitdem die mangelnde Parteinahme für Israel im Kampf gegen die Mehrheit der Palästinenser, die im Kampf um einen eigenen unabhängigen Staat von einer Minderheit von Terroristen und deren Organisationen ungefragt vertreten werden, aber inzwischen ganz offenbar auch Sympathien für diese terroristischen Minderheiten hegen. Jeden Abend kann man, besonders nach Beerdigungen getöteter Palästinenser, oft halbwüchsiger Jungen, Frauen und Kinder, diesen Schulterschluss zwischen Terroristen und Volk beobachten.

Eine wachsende Gruppe Deutscher ist über diese Bilder empört, ebenso wie über die Aufnahmen der im Bau befindlichen israelischen Mauer. Seitdem gibt es Behauptungen jüdischer Organisationen oder prominenter Einzelpersonen und Vertreter des Staates Israel, nach die Deutschen, alle Deutschen (neuerdings auch alle anderen Europäer), die mit dem gewaltsamen Vorgehen Israels gegen die Einwohner Palästinas nicht einverstanden sind, und das ist deutlich die Mehrheit, Antisemiten genannt werden. Nach Untersuchungen des Stern, gefragt war der größten Gefahr für den Weltfrieden, hielten 58 %. Israel für die größte Gefahr für den Weltfrieden.

Die Vertreter der jüdischen Gemeinde in Deutschland sehen darin ein Zeichen für einen wieder „erstarkenden“ Antisemitismus, während ein seriöserer Wissenschaftler wie Wolfgang Benz in der nicht gerade als rechts verschriebenen Frankfurter Rundschau von einem deutlichen Absinken einer solchen „antisemitischen“ Stimmung[2] berichtet. Da von den gleichen Kreisen seit 1950 etwa von einem solchen „Widererstarken“ des A. die Rede ist, ohne daß jemals dazwischen von einem Abflauen des A. gesprochen wurde, müsste der A. ungeheure Ausmaße angenommen haben.

Wer ist antisemitisch? Nach dem Schriftsteller Henrik M. Broder alle. Alles ist antisemitisch – auch das Gegenteil. Selbst der Satz: „Viele meiner Freunde sind Juden“, ist nach Broder der klare Nachweis für Antisemitismus. Die Rechten und Konservativen sind: sowieso – nach Broder – antisemitisch. Die Linken: fast immer latent antisemitisch. Die Liberalen: Versteckt antisemitisch. Oder offen, wie Möllemann. Augstein war antisemitisch, wie sein Freund Walser. Alice Schwarzer ist (um vier Ecken rum) auch antisemitisch. Die schweigende Mehrheit antisemitisch. Die Kritiker der israelischen Politik? Erst recht. Alle Deutschen sind.

Latent zumindest. Alle? Henrik M. Broder nimmt, ebenso wie Friedman oder Korn, sich selber natürlich aus. Er ist also nicht nur Deutscher, sondern auch noch, was? Wie rede ich diese Personengruppe überhaupt politisch korrekt an? Als Juden, also Angehörige einer Religion? Jüdische Mitbürger, Juden in Deutschland, deutsche Juden? Russische Juden, die nach Deutschland eingewandert sind und nun einen deutschen Paß haben, sind ja auch Deutsche. Die können nicht gemeint sein. Friedman, Spiegel und Henrik M. Broder und der „deutschjüdische Patriot“ Wolffsohn[3] , sie alle sagen von sich: „Ich bin Jude, Sohn einer jüdischen Mutter“.

Aber was ist mit denen, die seit zwei Generationen ausgetreten sind aus der Religionsgemeinschaft, die „nur“ einen jüdischen Vater haben, die Emanzipierten, vielleicht christlich Getauften, was sind die, wenn es verwandte Gene, also Rassenzugehörigkeit doch nicht geben darf? Tucholsky, der zu seiner Zeit noch ein bisschen unbefangener sein konnte, schrieb folgendes. „Ein jüdischer Mann sagte einmal: ‘Ich bin stolz darauf, Jude zu sein. Wenn ich nicht stolz bin, bin ich auch Jude – da bin ich schon lieber gleich stolz!’“[4]

Man kann schon glücklich sein, wenn mal einer wie der langjährige Literatur-Papst Deutschlands, der mit einem einzigen Wort Karrieren von Schriftstellern begründen oder beenden konnte und mit einem anderen Wort mäßig begabte Gedichte-SchreibeInnen zu viel diskutierten LyrikerInnen erheben konnte, wenn ein solche Herrscher über die deutsche Gegenwarts-Literatur wie 2004 in einem Interview offen sagt: „Ich bin kein Deutscher, ich habe auch nie behauptet, einer zu sein.“[5]

Aber das ist eine entschiedene Ausnahme. Allerlei Hilfsbegriffe sollen die Juden zu „ganz normalen Deutschen“ machen und gleichzeitig „zu etwas Besonderem“. Ich denke, nur eins von beiden geht. Von „Ich komme aus einem jüdischen Elternhaus, meine Vorfahren waren mosaischen Glaubens“ bis zu dem einfachen „Ich bin Jude!“ reichen die Bekenntnisse, die es nicht bei der Religionszugehörigkeit belassen wollen. „Ich bin ein normaler Deutscher wie Sie auch“, sagen sie, ich frage Sie ja auch nicht dauernd danach, ob sie evangelisch oder katholisch sind.“ Richtig. Warum aber, lieber Henrik M. Broder und Herr Korn, betonen Sie dann trotzdem immer diese Besonderheit, dieses Anderssein?

Fühlen sie sich anders, weil Hitler und seine Anhänger es so wollten? Weil Hitler die Einteilung der Völker nach Rassen vornahm, definieren sie sich jetzt selber so? Das darf doch nicht wahr sein. Wer verkündet denn noch ernsthaft, außerhalb des kleinen Kreises von Auschwitz-Leugnern, die es in ganz Europa gibt, in Deutschland rassistische Vorbehalte gegen die hier lebenden Juden? Sicher gibt es in den Unterschichten, die in ihren Wohnvierteln mit massierten Ansammlungen von illegal eingewanderten Ausländern aus den Balkanländern und Asien konfrontiert sind, so etwas wie ein dumpfes Misstrauen gegen Ausländer, gegen Klau-Kids, Migranten, und es gibt auch eine aus sozialen Ängsten kommende Ablehnung gegen den massenhaften Zuzug von Ausländern und ihren Familien.

Diese unterschichten-spezifischen Einwände gegen die Einwanderung in unser Versorgungs-System haben vorwiegend soziale Ursachen – die deutschen Sozialhilfe-Empfänger und Arbeitslosen leben selber am Rande des Existenzminimums. Rassistische Vorurteile aus der Vergangenheit sind hier nicht tradiert gegenüber Türken (ebenso wenig wie gegen Vietnamesen im Osten). Selbst wenn Ausländer bei Rempeleien unter Betrunkenen beschimpft werden („Kanake!“„Fidschi!“), stammen die Beschimpfungs-Rituale aus dem Fundus atavistischer Lust am verbalen Verletzen wie andere verbal aggressiven Attacken, etwa aus dem Generationen-, Sexual- oder Fäkalbereich („alter Knacker!“, „Wichser!“, „Arschficker!“, „Scheißkerl!“), einer Ersatz- oder Vorstufe für Prügeleien und Schlimmeres.

Einen ausgebildeten Unterschichten-Rassismus gibt es nicht, gab es auch früher, trotz 12 Jahre NS-Propaganda, zum Leidwesen von Goebbels kaum. Die heute hier lebenden, nach dem Krieg aufgewachsenen Deutschen haben gegenüber jüdischen Mitbürgern rassistische Vorbehalte oder Einwände überhaupt nicht, nehmen diese Mitbürger als andersartig gar nicht wahr. Sie machen keinen Unterschied zwischen sich selbst und jemand, von dem gesagt wird oder der selber von sich sagt, er sei Jude. Interessiert die meisten gar nicht. Der ist Jude – na und? Die Skinheads und anderen radikalen Jugendlichen werden belächelt. Hitlers Sondergesetze sind seit X Jahren ungültig.

Wollt Ihr, die Ihr dauernd betont, daß Ihr „Juden“ seid, und damit meistens nicht die Religionszugehörigkeit meint, sondern die „Kinder des Holocaust“, die Sondergesetze Hitlers verewigen? Es sollte hier einmal ausgesprochen oder deutlicher als bisher gesagt werden, daß es sich bei dem ständig wiederholten Vorwurf gegen die Deutschen, sie seien alle verkappte Antisemiten, auch um einen Wahn handelt, einen Verfolgungswahn, der dem Rassenwahn in nichts nachsteht. Nicht die der Antisemiten, „Die Juden sind unser Unglück!“, die in Österreich und Deutschland schon 1878 wenig Anklang fand, sondern eine andere, nicht minder törichte Art von Geistesschwachheit: „Alle Deutschen sind Antisemiten.“, so verkündet von Goldhagen bis Broder.

Ich habe tiefes Verständnis und Mitgefühl für die seit 2000 Jahren Ausgegrenzten, aber nicht als Täter, sondern als Opfer der gleichen NS-Diktatur, nach eigenen gesprochenen und gedruckten Worten, wird diesem Verständnis keinerrlei Bedeutung beigemessen. Wo kommen wir denn dahin, wenn nachher noch einmal 600.000 Überlebende Wiedergutmachung beantragen.? So furchtbar ist die Bedrohung für Israel. Aber wir, wir wollen nun endlich in Ruhe mit Euch, den jüdischen Deutschen oder deutschen Juden oder einfach Juden hier leben und nicht als Hitlers Enkel und Urenkel in unserem eigenen Land ein Ausnahmedasein führen, uns jede Woche für Hitler entschuldigen, wollen nicht immer nur an eine Opfer-Gruppe zahlen.

Wo wir noch nicht einmal für die 1500 ermordeten Einwohner von Distimo auf dem Peleponnes gezahlt haben: Alle Männer ab 14! Alle Frauen ins Arbeitslager, alle Kinder verschleppt – sie bekommen nie eine Wiedergutmachung, weil es mal beim Londoner Abkommen 1960 aus Erhards voller Kasse pauschal Geld für Griechenland gegeben hat, damit ist mehr als einer große Autobahn gebaut worden, nichts davon erreichte die Überlebenden der im Partisanenkrieg zerstörten Dörfer. Also nichts für Distimo und über 1140 andere griechische Dörfer, auch kein Mahnmal, kein Stelenfeld vor dem Reichstag. Weil Kostas und Jannis keine Lobby im Reichstag haben und keine Lea Rosh und keinen Paul Spiegel.

Wir lernen daraus: Von den unschuldigen Opfern gibt es zweierlei Klassen, solche, die einen guten Anwalt haben, und Andere. Unschuldig und Opfer gewesen zu sein, genügt nicht. Von den Millionen ermordeter deutscher Frauen und Kinder reden ungeschriebene Gesetze des Zeitgeists, aber das wäre ja ein Relativieren, und das kann ja nun wirklich niemand wollen, oder?



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Fußnoten_______________________________________________________________________________

[1] Willy Brandt, Erinnerungen, Ullstein, Berlin 1989, S. 154 ff.

[2] zitiert nach „Secessi0n,“ No. 4|2004| S.37

[3] In juengster Zeit bekannt geworden durch >umstrittene Äußerungen über die Zulässigkeit von Folter als letztes Mittel gegen den Terrorismus, antwortete er seinen Kritikern in einem ganzseitigen Artikel unter der Überschrift ‘Jáccuse’ in der FAZ. vom 25. 06., in dem er sich als Opfer antisemitischer Angriffe und als einen zweiten Dreyfuß verortet.

[4] K. Tucholsky, Ges. Werke, Bd. 3, Reinbk 1961, S. 196

[5] LiteraturKritik, Ausg. 5v07|05| 2004

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